Jobwende in Sicht

· Wissenschaftsteam
Bringt der Aufschwung auch mehr Jobs?
In der Industrie sind Zehntausende Arbeitsplätze gefährdet. Gleichzeitig rechnen Ökonomen damit, dass die deutsche Wirtschaft stärker wächst als bisher angenommen. Kann der wirtschaftliche Aufschwung den Stellenabbau stoppen?
Die Automobilbranche ist derzeit das Sorgenkind auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Hersteller und Zulieferer setzen den Rotstift an. Bei Unternehmen wie Bosch, ZF, Schaeffler und Continental sollen Tausende Arbeitsplätze wegfallen.
Auch die großen Automobilhersteller bauen ihre Konzerne um. Volkswagen beispielsweise plant, in den kommenden Jahren 50.000 Stellen abzubauen – zusätzlich zu den bereits beschlossenen Sparmaßnahmen.
Der Strukturwandel in der Branche hat bereits deutliche Spuren hinterlassen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren zuletzt so wenige Menschen in der deutschen Automobilindustrie beschäftigt wie seit 2005 nicht mehr.
Die Herausforderungen stehen beispielhaft für die strukturellen Probleme des gesamten Wirtschaftsstandorts. Im Wettbewerb mit anderen Ländern, die günstiger produzieren können, verliert Deutschland als Industriestandort zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit. Besonders die Konkurrenz aus China setzt den deutschen Unternehmen zu.
KI sorgt für Verunsicherung
Jutta Rump, Expertin vom Institut für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen, beschreibt die aktuelle Situation als komplexes Zusammenspiel verschiedener Herausforderungen.
„Wir haben einen ganz starken Druck auf Geschäftsmodelle, die teilweise erheblich neu definiert werden“, erklärt sie.
Dabei sieht Rump eine technologische Revolution, insbesondere in den Bereichen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.
Viele Unternehmen seien sich derzeit nicht sicher, welche Qualifikationen und Kompetenzen künftig noch benötigt würden.
„Und da versucht man sich gerade ein bisschen vorzutasten“, erklärt die Arbeitsmarktexpertin im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Diese Unsicherheit führe jedoch dazu, dass sich Unternehmen momentan bei der Einstellung neuer Mitarbeiter zurückhielten.
Konjunktur könnte den Arbeitsmarkt beleben
Auch die schwache Konjunktur hat Unternehmen und damit den Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren stark belastet. Die deutsche Wirtschaft stand unter erheblichem Druck und kämpfte immer wieder mit einer Rezession.
Der Arbeitsmarkt hat bereits seit mehreren Monaten an Dynamik verloren. Im September lag die Arbeitslosenquote bei 6,4 Prozent und damit etwas höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Ökonomen rechnen jedoch damit, dass die Wirtschaft nun wieder etwas an Schwung gewinnt. Sowohl die Bundesregierung als auch der Internationale Währungsfonds haben ihre Wachstumsprognosen für Deutschland zuletzt nach oben korrigiert.
Sie erwarten, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 1,3 Prozent steigen wird. Damit wäre es das stärkste Wirtschaftswachstum seit 2022.
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, geht davon aus, dass sich die bessere Konjunktur allmählich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen wird.
„Die Phase der rückläufigen Beschäftigung sollte jetzt zu Ende gehen“, prognostiziert Krämer.
Die Lage in der Industrie bleibt angespannt
Ein wirtschaftlicher Aufschwung bedeutet allerdings nicht automatisch, dass angeschlagene Unternehmen, insbesondere aus der Automobilindustrie und dem Maschinenbau, ihre bereits angekündigten Stellenstreichungen stoppen oder reduzieren werden.
Der Volkswirt Jörg Krämer sieht andere Gründe für die erwartete Belebung des Arbeitsmarktes.
„Es gibt einen Sektor, der sehr stark boomt. Das ist der Staat beziehungsweise staatsnahe Bereiche wie beispielsweise die Altenpflege oder das Gesundheitswesen. Das gleicht den Rückgang momentan aus“, erklärt er.
Für die Gesamtwirtschaft sei diese Entwicklung allerdings nicht unbedingt positiv. Wenn der Staat immer mehr Raum einnehme, könne dies nach Ansicht von Krämer die Produktivität und Innovationskraft schwächen.
Das bedeutet: Nicht nur der aktuelle wirtschaftliche Aufschwung, sondern auch die erwartete Belebung des Arbeitsmarktes dürfte zu einem großen Teil auf die Investitionsprogramme der Bundesregierung zurückzuführen sein.
Die strukturellen Probleme der Industrie bestehen weiterhin. Damit bleibt auch die Sorge vieler Beschäftigter um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze bestehen.