Mobilität im Wandel

· Fahrzeugteam
Hohe Spritpreise: Warum viele trotzdem nicht aufs Auto verzichten wollen
Die Lage im Nahen Osten lässt die Benzinpreise weiter steigen. In Baden-Württemberg halten dennoch viele Menschen an ihrem Auto fest.
Doch warum ist das so und wie lässt sich auch ohne staatlichen Tankrabatt Geld sparen?
Hohe Spritpreise: Werden Carsharing und öffentliche Verkehrsmittel beliebter?
Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) verzeichnete im vergangenen Jahr dank des Deutschlandtickets einen Rekord bei den Abonnements. Auch für das laufende Jahr zieht der VVS eine positive Bilanz für das erste Halbjahr. Die Nachfrage nach Abonnements sei weiterhin hoch.
Der Donau-Iller-Nahverkehrsverbund kann hingegen keine Angaben zu den Beweggründen der Fahrgäste machen, da diese dazu nicht befragt werden. Ob die Fahrgastzahlen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind, lasse sich derzeit ebenfalls noch nicht beurteilen, erklärte der Verbund.
Auch beim Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmen (WBO) hält sich die Begeisterung in Grenzen. „Wir beobachten branchenweit in Baden-Württemberg keinen unmittelbaren Einfluss der Spritpreise auf die Fahrgastzahlen in den Bussen“, erklärte Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg.
Ein Grund dafür ist, dass auch die Dieselpreise für Busse steigen. Hinzu kommen die erheblichen Personalkostensteigerungen der vergangenen Jahre. Hüneburg verweist außerdem auf die aktuelle Wirtschaftskrise. Die öffentlichen Kassen seien leer, weshalb teilweise gerade im ländlichen Raum das Angebot am Abend und in der Nacht eingeschränkt werde.
Nach Einschätzung von Hüneburg hat sich der öffentliche Nahverkehr mancherorts innerhalb der vergangenen zwölf Monate sogar verschlechtert. Sie betont: „Busverkehre sind auf Langfristigkeit ausgelegt. Dabei geht es auch um die Frage, welchen öffentlichen Nahverkehr wir uns leisten wollen.“
Auf das Auto angewiesen? Auch dann gibt es Alternativen
Martin Kagerbauer, stellvertretender Leiter des Instituts für Verkehrswesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), empfiehlt Autofahrerinnen und Autofahrern, sich angesichts der aktuellen Situation stärker mit alternativen Verkehrsmöglichkeiten auseinanderzusetzen.
Sein Tipp: Statt das eigene Auto zu nutzen, könnte man sich ein Fahrzeug mit anderen teilen. Beim sogenannten Carsharing fallen zwar ebenfalls Kosten für Kraftstoff und Nutzung an, allerdings entfallen die hohen Anschaffungskosten eines eigenen Autos. Dadurch lässt sich einiges an Geld sparen.
Besonders für Menschen, die jährlich nicht mehr als etwa 10.000 Kilometer zurücklegen, sei Carsharing deutlich günstiger, erklärte Kagerbauer gegenüber dem SWR.
Eine Recherche des SWR Data Labs zeigt allerdings, dass viele Menschen im Land schlichtweg auf ihr Auto angewiesen sind. Zwar gibt es in jeder Gemeinde an Werktagen mindestens ein öffentliches Verkehrsmittel, doch teilweise endet das Angebot bereits vor 19 Uhr.
Im Koalitionsvertrag von 2021 hatten die Grünen und die CDU vereinbart, dass ab 2026 alle Ortschaften zwischen 5 Uhr morgens und Mitternacht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein sollten. Inzwischen hat die Landesregierung dieses Ziel jedoch auf das Jahr 2030 verschoben.
Als Hauptgründe dafür gelten steigende Kosten und Personalmangel. Ein Auto muss allerdings nicht zwangsläufig ein eigenes Fahrzeug sein. Auch ein gemeinsam genutztes Auto kann eine Alternative darstellen.
Carsharing-Verband: Verbraucher achten stärker auf die Preise
Laut Gunnar Nehrke, Geschäftsführer des Bundesverbands Carsharing, verzeichnet die Branche weiterhin viele Neuanmeldungen.
Trotz der steigenden Zahl von Carsharing-Nutzern nimmt die Zahl der Fahrten derzeit allerdings kaum zu. Nehrke schließt daraus, dass die Nutzer zunehmend sensibler auf die Spritpreise reagieren.
Ein eigenes Auto verursacht auch dann hohe Fixkosten, wenn es ungenutzt herumsteht.
Beim Carsharing können Nutzer dagegen flexibel entscheiden: „Ich spare mir die Fahrt und nehme das Fahrrad oder den Bus“, erklärt Nehrke.
Rund 20 Prozent der gesamten Carsharing-Flotte in Deutschland bestehen inzwischen aus Elektrofahrzeugen. Die Elektrifizierung ist damit zwar noch lange nicht abgeschlossen, allerdings ist die Branche bereits weiter als der gesamte deutsche Pkw-Bestand. Dort liegt der Anteil der Elektroautos bei lediglich rund sechs Prozent.
Nehrke hält außerdem die Annahme für falsch, dass Carsharing ausschließlich in Großstädten und Ballungsräumen verfügbar sei. Gerade in Baden-Württemberg sei das Angebot auch in kleineren Städten und im ländlichen Raum vergleichsweise weit verbreitet.
Gebrauchte Elektroautos sind gefragter denn je
Eine weitere Alternative angesichts steigender Spritkosten sind Elektroautos.
Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) wurden in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 knapp 120.000 gebrauchte Elektroautos verkauft. Das waren fast doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Laut dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung kosten gebrauchte Elektroautos in der Regel nicht mehr als vergleichbare Benziner oder Dieselmodelle. Auch eine nachlassende Lebensdauer der Batterien sei nicht festzustellen.
Warum Autofahrer trotzdem an ihren Fahrzeugen festhalten
Mobilität ist laut Verkehrsexperte Kagerbauer entscheidend für die gesellschaftliche Teilhabe. Wichtig sei jedoch, sich bewusst mit der Wahl des Verkehrsmittels auseinanderzusetzen.
Gerade weil das Autofahren für viele Menschen zum festen Bestandteil des Alltags gehört, falle es ihnen besonders schwer, ihre Gewohnheiten zu ändern, erklärt Kagerbauer. Etwas Neues auszuprobieren sei nicht einfach, insbesondere wenn viele Menschen keinen unmittelbaren Anlass sehen, ihre bisherigen Routinen zu überdenken.
„Meistens werden solche Routinen verändert, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern“, erklärt der Experte.
Das könne beispielsweise bei einem Umzug oder einem Jobwechsel der Fall sein. Aber auch steigende Preise könnten Menschen dazu bewegen, ihre bisherigen Mobilitätsgewohnheiten zu hinterfragen.
Die aktuelle Situation könnte deshalb auch dazu beitragen, alternative Verkehrsangebote und den öffentlichen Nahverkehr im ländlichen Raum auszubauen. Nun sei es Aufgabe der Politik, die entsprechenden Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Dafür seien Investitionen notwendig. Eine gute Verkehrsinfrastruktur dürfe sich jedoch nicht ausschließlich auf den Autoverkehr konzentrieren. Vielmehr müssten auch der öffentliche Nahverkehr, der Rad- und Fußverkehr sowie gemeinsam genutzte Mobilitätsangebote berücksichtigt werden.
Merz kündigt Entlastungen bei Spritpreisen an: Auch abseits des Tankrabatts ist jeder gefragt
Angesichts der weiterhin steigenden Spritpreise hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in dieser Woche neue Entlastungsmaßnahmen angekündigt. Wie diese konkret aussehen sollen, ist bislang allerdings noch unklar.
Laut Kagerbauer reicht es jedoch nicht aus, lediglich die Spritpreise zu senken.
Sein Rat lautet deshalb, andere Mobilitätsangebote auszuprobieren. Wer beispielsweise noch nie Carsharing genutzt habe, könne sich oft nur schwer vorstellen, wie dieses Konzept funktioniert.
„Wenn man das zwei- oder dreimal gemacht hat, geht es in Fleisch und Blut über und wird ganz selbstverständlich“, erklärt der Experte.