Weniger Kaufkraft

· Wissenschaftsteam
Eine Gehaltserhöhung sollte das Leben eigentlich leichter machen. Doch für Millionen Arbeitnehmer in Europa bedeutet ein höheres Einkommen nicht automatisch mehr Kaufkraft.
Angesichts steigender Energiepreise und höherer Lebenshaltungskosten könnten sich viele Haushalte trotz eines besseren Gehalts finanziell sogar schlechter dastehen sehen.
Neue Prognosen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) deuten darauf hin, dass die Reallöhne in mehreren großen europäischen Volkswirtschaften zwischen Anfang 2026 und Anfang 2027 sinken werden.
Deutschland bildet dabei eine bemerkenswerte Ausnahme: hier können sich Arbeitnehmer voraussichtlich über moderate Zugewinne freuen.
Warum eine Gehaltserhöhung möglicherweise nicht ausreicht
Ökonomen unterscheiden zwischen Nominal- und Reallöhnen. Während der Nominallohn den tatsächlich ausgezahlten Geldbetrag bezeichnet, berücksichtigt der Reallohn zusätzlich die Inflation und damit die tatsächliche Kaufkraft.
Steigt beispielsweise das Gehalt um drei Prozent, während die Verbraucherpreise um fünf Prozent zulegen, sinkt die Kaufkraft tatsächlich. Betroffene verdienen zwar mehr Geld, können sich davon aber weniger Waren und Dienstleistungen leisten.
Dieser Unterschied wird immer wichtiger, da höhere Energiekosten zunehmend auf die gesamte europäische Wirtschaft durchschlagen. Das betrifft alles – von den Haushaltsrechnungen über den Transport bis hin zur Lebensmittelproduktion.
Für die Eurozone prognostiziert die OECD zur Jahresmitte 2026 einen Rückgang der Reallöhne um 0,4 Prozent. Erst im Laufe des Jahres 2027 soll die Kaufkraft wieder das Niveau von Anfang 2026 erreichen.
Italien steht vor einer schwierigen Erholung
Unter den fünf untersuchten großen Volkswirtschaften dürfte Italien zunächst den stärksten Rückgang verzeichnen.
Im dritten Quartal 2026 könnten die Reallöhne um 1,9 Prozent unter ihrem Niveau vom ersten Quartal liegen. Zwar wird anschließend eine gewisse Erholung erwartet, doch Ende 2027 könnte die Kaufkraft immer noch 0,6 Prozent unter dem Ausgangsniveau liegen.
Die starke Abhängigkeit Italiens von Öl- und Gasimporten macht die Wirtschaft besonders anfällig für steigende Energiepreise.
Eine weitere Herausforderung ist der Zeitpunkt der Tarifverhandlungen. Kollektivvereinbarungen über Lohnerhöhungen können dazu führen, dass Arbeitnehmer höhere Lebenshaltungskosten nicht sofort durch zusätzliche Einkünfte ausgleichen können.
Spaniens Arbeitnehmer bleiben unter Druck
Die Prognose für Spanien sieht etwas anders aus, gibt aber ebenfalls Anlass zur Sorge.
Den Erwartungen zufolge werden die Reallöhne bis zum vierten Quartal 2026 um 0,7 Prozent unter das Niveau von Anfang des Jahres sinken. Auf diesem Stand könnten sie auch während des gesamten Jahres 2027 bleiben.
Das bedeutet, dass Arbeitnehmer möglicherweise über einen längeren Zeitraum Kaufkraft verlieren, obwohl die Beschäftigung weiter zunimmt.
Ein wesentlicher Faktor ist die hohe Inflation, die unter anderem durch die Energiepreise angetrieben wird. Im September 2026 wurde die jährliche Teuerungsrate in Spanien auf fünf Prozent geschätzt.
Großbritannien und Frankreich könnten sich erholen
Im Vereinigten Königreich wird zunächst ein vergleichsweise deutlicher Rückgang der Kaufkraft erwartet. Bis Ende 2026 könnten die Reallöhne um 1,6 Prozent unter ihrem Niveau von Anfang des Jahres liegen.
Für 2027 rechnet die OECD jedoch mit einer kräftigeren Erholung. Bis Dezember könnte die Kaufkraft etwa ein Prozent über dem Ausgangsniveau von Anfang 2026 liegen.
In Frankreich dürfte der Rückgang moderater ausfallen und zunächst 0,5 Prozent erreichen. Anschließend wird eine schrittweise Erholung erwartet. Ende 2027 könnten die Reallöhne schließlich 0,1 Prozent über ihrem ursprünglichen Niveau liegen.
Warum Deutschland eine Ausnahme bildet
Deutschland dürfte von den Rückgängen, die für andere Länder prognostiziert werden, verschont bleiben.
Nach den OECD-Schätzungen könnten die Reallöhne bis Ende 2026 um 0,5 Prozent steigen. Bis Ende 2027 wird sogar ein Plus von 1,7 Prozent gegenüber dem Niveau von Anfang 2026 erwartet.
Für diesen Unterschied gibt es mehrere Gründe. Dazu gehören der Fachkräftemangel, Tarifverhandlungen und die sich verbessernden wirtschaftlichen Aussichten.
Zudem wurde der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland im Januar 2026 um 8,4 Prozent angehoben. Eine weitere Erhöhung ist bereits für 2027 vorgesehen.
Was bedeuten diese Prognosen?
Bei den genannten Zahlen handelt es sich um Prognosen und nicht um garantierte Entwicklungen. Veränderungen bei der Inflation, den Energiepreisen und der Beschäftigungslage könnten das tatsächliche Ergebnis erheblich beeinflussen.
Dennoch machen die Zahlen eine wichtige wirtschaftliche Herausforderung deutlich: steigende Gehälter bringen wenig Entlastung, wenn die alltäglichen Ausgaben noch schneller wachsen.
Für europäische Haushalte wird sich der tatsächliche finanzielle Fortschritt deshalb nicht allein daran messen, wie viel Geld sie verdienen, sondern vor allem daran, wie viel sie sich davon leisten können.