Europas Wachstum schwächelt

· Wissenschaftsteam
Gerade als es schien, dass Europas Unternehmen langsam wieder Tritt fassen, droht eine neue Welle wirtschaftlicher Belastungen den Aufschwung auszubremsen.
Die Energiekosten steigen, Unternehmen werden bei Neueinstellungen vorsichtiger und Verbraucher zeigen zunehmend Zurückhaltung beim Geldausgeben.
Die am 23. Oktober 2026 veröffentlichten aktuellen Zahlen deuten darauf hin, dass die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone an Schwung verloren hat. Obwohl die Wirtschaftsaktivität insgesamt weiterhin wächst, wirft die Abschwächung die Frage auf, wie lange das Wachstum ohne eine stärkere Nachfrage und mehr wirtschaftliche Stabilität anhalten kann.
Wirtschaftswachstum bleibt hinter den Erwartungen zurück
Der aktuelle Einkaufsmanagerindex (PMI) von S&P Global für die Eurozone sank im Oktober auf 51,9 Punkte, nachdem er im September noch bei 53,1 gelegen hatte.
Damit erreichte der Index seinen niedrigsten Stand seit Juni. Auch Ökonomen wurden überrascht, denn sie hatten lediglich mit einem Rückgang auf 52,7 Punkte gerechnet.
Der Index misst die wirtschaftliche Aktivität im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor. Werte über 50 signalisieren Wachstum, während Werte unterhalb dieser Schwelle auf einen Rückgang der Wirtschaftsaktivität hindeuten.
Das Oktober-Ergebnis weist somit auf ein verlangsamtes Wachstum hin, nicht jedoch auf einen tatsächlichen wirtschaftlichen Abschwung.
Unternehmen geraten erneut unter Kostendruck
Die steigenden Energiepreise stellen europäische Unternehmen vor neue Herausforderungen.
Die Kosten für Kraftstoffe, Strom und Transport sind gestiegen. Eine Rolle spielen dabei auch die Auswirkungen der Konflikte im Nahen Osten. Besonders stark betroffen ist das verarbeitende Gewerbe, da die Produktion häufig große Mengen an Energie benötigt.
Die Einkaufskosten der Unternehmen stiegen im Oktober bereits den zweiten Monat in Folge schneller an.
Gleichzeitig erhöhten die Unternehmen ihre Verkaufspreise langsamer als noch im September. Das deutet darauf hin, dass einige Betriebe die zusätzlichen Kosten selbst auffangen, anstatt sie vollständig an ihre Kunden weiterzugeben. Dadurch könnten ihre Gewinnmargen zunehmend unter Druck geraten.
Frankreich belastet die wirtschaftlichen Aussichten
Frankreich erlebte einen besonders schwierigen Oktober. Die Aktivität im privaten Sektor rutschte überraschend wieder in den Schrumpfungsbereich ab.
Unternehmen berichteten von einer schwächeren Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Gleichzeitig sorgten Sorgen um die Staatsfinanzen und steigende Finanzierungskosten für zusätzliche Unsicherheit.
Das Geschäftsklima in Frankreich fiel auf den niedrigsten Stand seit 2012 – wenn man die Zeit der Pandemie ausklammert.
Auch Deutschland verzeichnete ein langsameres Wachstum im privaten Sektor. Die nachlassende Dynamik beschränkte sich somit keineswegs auf Frankreich. Zusammen trugen diese Entwicklungen zur allgemeinen Abschwächung der Wirtschaft in der Eurozone bei.
Einstellungen und Neuaufträge verlieren an Schwung
Auch die Beschäftigungszahlen geben Anlass zur Sorge.
Das Beschäftigungswachstum in der Eurozone kam im Oktober nahezu zum Stillstand. Während Unternehmen im Dienstleistungssektor weiterhin neue Mitarbeiter einstellten, geschah dies so langsam wie seit fünf Monaten nicht mehr. Im verarbeitenden Gewerbe ging die Beschäftigung sogar leicht zurück.
Die Zahl der Neuaufträge stieg nur noch geringfügig. Das deutet darauf hin, dass Kunden zunehmend zögern, zusätzliche Ausgaben zu tätigen.
Es gab allerdings auch eine positive Entwicklung: die Exportaufträge legten bereits den dritten Monat in Folge zu. Zuvor waren sie fast viereinhalb Jahre lang Monat für Monat zurückgegangen.
Die EZB steht vor einer schwierigen Entscheidung
Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor der Herausforderung, die Inflation einzudämmen, ohne die wirtschaftliche Aktivität übermäßig zu belasten.
Höhere Zinsen können die Konsum- und Investitionsbereitschaft bremsen und dadurch den Preisanstieg eindämmen. Gleichzeitig verteuern sie jedoch Kredite für private Haushalte und Unternehmen.
Im Oktober gingen die befragten Ökonomen davon aus, dass die EZB ihren Einlagenzins zunächst bei 2,50 Prozent belassen und ihn möglicherweise im Dezember anheben würde.
Da die Inflation weiterhin über dem Zielwert von zwei Prozent liegt, bleiben Entscheidungen über die künftigen Finanzierungskosten besonders heikel.
Was bedeutet das für Europa?
Die Oktober-Erhebung deutet nicht auf eine unmittelbar bevorstehende Rezession hin. Dennoch zeigen das schwächere Wachstum, die steigenden Betriebskosten und die zurückhaltende Personalpolitik, dass die wirtschaftliche Erholung zunehmend an Stabilität verliert.
Für private Haushalte könnten sich die Folgen in Form eines geringeren Lohnwachstums, teurerer Waren und weniger Beschäftigungsmöglichkeiten bemerkbar machen.
Europa steht nun vor der nächsten großen Herausforderung: die wirtschaftliche Dynamik muss erhalten bleiben, während gleichzeitig die Inflation unter Kontrolle gebracht werden soll.
Ob den Unternehmen dieser schwierige Balanceakt gelingt, wird maßgeblich von der Entwicklung der Energiepreise, dem Verbrauchervertrauen und der Stärke der Nachfrage in den kommenden Monaten abhängen.