Zinswende

· Wissenschaftsteam
Nach Jahren historisch niedriger Zinsen verändert sich die Lage am Finanzmarkt spürbar. Deutsche Staatsanleihen bieten wieder attraktive Renditen, was Anlegern neue Möglichkeiten eröffnet.
Gleichzeitig steigen jedoch die Finanzierungskosten für den Staat, Unternehmen und private Immobilienkäufer. Die Rückkehr höherer Zinsen hat damit weitreichende Folgen für die gesamte Wirtschaft.
Staatsanleihen bringen wieder Rendite
Mehr als zehn Jahre lang konnte sich Deutschland am Kapitalmarkt besonders günstig Geld leihen. Zeitweise lagen die Zinsen sogar im negativen Bereich.
Diese Phase ist inzwischen vorbei: Zehnjährige Bundesanleihen bieten mittlerweile eine Rendite von rund 3,2 Prozent. Ein derart hohes Niveau wurde zuletzt vor etwa 15 Jahren erreicht.
Auch inflationsbereinigt sind Staatsanleihen wieder interessant. Bei inflationsgeschützten Bundesanleihen mit knapp 20 Jahren Restlaufzeit lag die reale Rendite zuletzt bei rund 1,4 Prozent.
Warum die Renditen steigen
Eine wichtige Ursache ist die veränderte Geldpolitik. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed erhöhten seit 2022 ihre Leitzinsen, um die Inflation einzudämmen. Gleichzeitig reduzierten sie ihre umfangreichen Anleihekäufe. Dadurch sank die Nachfrage nach entsprechenden Wertpapieren, während die Renditen stiegen.
Zusätzlichen Druck brachte der Iran-Krieg. Höhere Ölpreise verstärkten die Inflationssorgen und beeinflussten die Zinserwartungen der Anleger.
Teurere Finanzierung für den Staat
Die höheren Renditen haben auch Nachteile. Deutschland muss für neue Kredite und die Refinanzierung bestehender Schulden zunehmend mehr bezahlen. Für 2026 plant der Bund unter anderem die Ausgabe zehnjähriger Anleihen im Wert von 82 Milliarden Euro sowie weiterer 59 Milliarden Euro mit längeren Laufzeiten.
Vor allem die steigenden Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur erhöhen den Finanzierungsbedarf. Die höheren Zinskosten belasten deshalb den Staatshaushalt und schränken den politischen Handlungsspielraum ein.
Bauzinsen belasten Hauskäufer
Auch Menschen, die eine Immobilie kaufen oder ihre bestehende Finanzierung verlängern möchten, spüren die Entwicklung. Die Zinsen langfristiger Immobilienkredite orientieren sich stark an den Renditen zehnjähriger Bundesanleihen.
Laut dem FMH-Index liegen die Bauzinsen bei einer Zinsbindung von zehn Jahren derzeit durchschnittlich bei 4,1 Prozent.
Ende 2024 waren es noch etwa 3,3 Prozent. Während der Niedrigzinsphase 2021 konnten Immobilienkredite mit zehnjähriger Bindung teilweise sogar für deutlich weniger als ein Prozent abgeschlossen werden.
Anleihen werden wieder attraktiver
Für Anleger eröffnet das höhere Zinsniveau neue Möglichkeiten. Während der Nullzinsphase waren Aktien für viele Investoren eine der wenigen Möglichkeiten, attraktive Renditen zu erzielen. Mittlerweile können auch Anleihen mit guter Bonität wieder regelmäßige Erträge bieten.
Damit werden sie zunehmend zu einer Alternative gegenüber Aktien. Allerdings erwartet der Anleiheexperte Sören Hettler von der DZ Bank nicht, dass die steigenden Anleiherenditen den Aktienmarkt automatisch ausbremsen. Solange Unternehmensgewinne und die Erwartungen an künstliche Intelligenz die positive Stimmung stützen, könnte der Aufwärtstrend an den Aktienmärkten anhalten.
Das klassische Anlagekonzept gerät unter Druck
Auch die traditionelle Aufteilung eines Portfolios auf 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen bietet nicht mehr denselben Schutz wie früher. Lange Zeit konnten Staatsanleihen Verluste am Aktienmarkt ausgleichen und dadurch die Schwankungen eines Depots reduzieren.
Bei starken Inflations- und Zinsschocks können jedoch beide Anlageklassen gleichzeitig an Wert verlieren. Das zeigte sich zeitweise auch während der jüngsten Turbulenzen infolge des Iran-Krieges.
Für Anleger wird es deshalb wichtiger, ihre Geldanlagen breiter aufzustellen und möglicherweise weitere Anlageklassen wie Rohstoffe einzubeziehen.
Die Rückkehr höherer Zinsen macht Anleihen wieder zu einer interessanten Anlageoption. Gleichzeitig bedeutet sie jedoch, dass sich Staaten, Unternehmen und private Kreditnehmer auf deutlich höhere Finanzierungskosten einstellen müssen.