Inflation im Wandel

· Wissenschaftsteam
Europas Wirtschaft steht vor einer schwierigen Herausforderung:
Selbst wenn es den Zentralbanken gelingt, die Inflation einzudämmen, könnten die Preissteigerungen künftig unberechenbarer werden.
In einer im Juni 2024 veröffentlichten wirtschaftswissenschaftlichen Analyse argumentieren die Ökonomen Lucrezia Reichlin und Jeromin Zettelmeyer, dass die Europäische Zentralbank (EZB) künftig flexibler auf wirtschaftliche Preisschocks reagieren muss.
Ihre Untersuchung zeigt, wie Störungen der Energieversorgung, Veränderungen im Welthandel und strukturelle wirtschaftliche Umbrüche die Inflation stärker schwanken lassen könnten. Das würde Entscheidungen über die Zinspolitik zusätzlich erschweren.
Warum die Inflation schwerer zu kontrollieren ist
Zentralbanken beeinflussen die Inflation traditionell durch Anpassungen der Kreditkosten. Höhere Zinsen bremsen Konsum und Investitionen und können dadurch den Preisdruck verringern. Niedrigere Zinsen hingegen sollen die Wirtschaft ankurbeln, wenn die Nachfrage nachlässt.
Komplizierter wird die Situation jedoch, wenn die Inflation nicht durch eine übermäßige Nachfrage, sondern durch Störungen auf der Angebotsseite entsteht.
Ein plötzlicher Anstieg der Energiepreise kann beispielsweise die Inflation erhöhen und gleichzeitig die Kaufkraft der privaten Haushalte schwächen. Werden die Zinsen in einer solchen Situation zu stark angehoben, könnte dies eine ohnehin angeschlagene Wirtschaft zusätzlich belasten.
Die entscheidende Frage lautet daher, wann ein Eingreifen notwendig ist und wann vorübergehende Preissteigerungen von selbst wieder abklingen sollten.
Versorgungsengpässe schaffen neue Risiken
Europa ist zunehmend mit Störungen konfrontiert, die Verfügbarkeit und Kosten wichtiger Güter beeinflussen. Energieknappheit, Schwierigkeiten im Transportwesen und veränderte Produktionsbedingungen können sich unmittelbar auf die Verbraucherpreise auswirken.
Anders als eine durch starke Nachfrage ausgelöste Inflation führen solche Schocks häufig gleichzeitig zu Problemen beim Wirtschaftswachstum und bei der Preisstabilität.
Die Forscher gehen davon aus, dass strukturelle Veränderungen solche Störungen künftig häufiger auftreten lassen könnten. Deshalb müsse die Geldpolitik ein breiteres Spektrum wirtschaftlicher Entwicklungen berücksichtigen, anstatt sich hauptsächlich auf herkömmliche Inflationsprognosen zu stützen.
Warum Inflationserwartungen entscheidend sind
Eine wichtige Rolle spielt auch die Frage, wie Unternehmen und private Haushalte auf steigende Preise reagieren. Wenn Menschen davon ausgehen, dass die Inflation dauerhaft hoch bleibt, könnten Beschäftigte höhere Löhne fordern. Unternehmen wiederum könnten ihre Preise vorsorglich anheben, um erwartete Kostensteigerungen auszugleichen.
Solche Reaktionen können die Inflation langfristig aufrechterhalten, selbst wenn die ursprüngliche Störung längst überwunden ist.
Die EZB muss deshalb zwischen vorübergehenden Preisveränderungen und Entwicklungen unterscheiden, die langfristige Inflationserwartungen gefährden. Eine klare Kommunikation kann der Bevölkerung verständlich machen, warum Zinsen angepasst werden und wie die Zentralbank die Preisstabilität sichern will.
Staatsausgaben erschweren geldpolitische Entscheidungen
Die Geldpolitik lässt sich nicht unabhängig von der Finanzpolitik der Regierungen betrachten. Die europäischen Staaten stehen vor steigenden Ausgabenanforderungen und müssen gleichzeitig bestehende Schulden bedienen.
Wenn die öffentlichen Haushalte nur begrenzten Spielraum haben, können Regierungen die Wirtschaft in einer Abschwungphase möglicherweise nur eingeschränkt unterstützen. Das stellt die EZB vor zusätzliche Herausforderungen. Besonders schwierig wird die Situation, wenn die Zinsen nahe null liegen und herkömmliche geldpolitische Maßnahmen zur Konjunkturförderung weniger wirksam werden.
Auch die Unterschiede bei den nationalen Finanzierungskosten erschweren eine einheitliche Geldpolitik im Euroraum. Die Forscher betrachten diese finanziellen Ungleichgewichte als eine anhaltende Schwachstelle, die umfassendere institutionelle Lösungen erfordert.
Muss die EZB ihre Strategie ändern?
Die Analyse legt nahe, dass eine flexiblere Geldpolitik der EZB helfen könnte, wirksamer auf künftige Angebotsschocks zu reagieren. Statt jeden Inflationsanstieg gleich zu behandeln, sollten die Verantwortlichen dessen Ursachen, voraussichtliche Dauer und wirtschaftliche Folgen genauer berücksichtigen.
Entscheidend bleibt dabei, das Vertrauen in das Inflationsziel der EZB von zwei Prozent aufrechtzuerhalten.
Um dieses Ziel zu erreichen, ist jedoch eine sorgfältige Abwägung erforderlich. Die Zentralbank muss beurteilen, wann höhere Zinsen tatsächlich helfen und wann sie der Wirtschaft unnötigen Schaden zufügen könnten.
Welche Folgen das für Europa hat
Für private Haushalte kann eine unberechenbare Inflation die Budgetplanung und langfristige finanzielle Entscheidungen erschweren. Unternehmen sind ebenfalls mit Unsicherheit konfrontiert, wenn sie über Investitionen, Neueinstellungen oder Preisanpassungen entscheiden müssen.
Eine Geldpolitik, die flexibel auf veränderte wirtschaftliche Bedingungen reagieren kann, könnte dazu beitragen, solche Belastungen zu begrenzen.
Die zentrale Botschaft lautet: preisstabilität bleibt unverzichtbar, doch die Instrumente zu ihrer Sicherung müssen sich weiterentwickeln.
Angesichts veränderter Energiemärkte und zunehmender Unsicherheit in der Weltwirtschaft könnte eine Anpassung der Geldpolitik für Europa immer wichtiger werden, um Wachstum und finanzielle Stabilität zu schützen.