Das reifere Gehirn

· Wissenschaftsteam
Das Älterwerden wird häufig mit Veränderungen des Gedächtnisses, der Konzentration und der Fähigkeit verbunden, sich an bestimmte Ereignisse zu erinnern.
Forscher der University of Arizona vertreten jedoch die Auffassung, dass gesundes kognitives Altern mehr umfassen könnte als einen allmählichen Verlust geistiger Fähigkeiten.
Möglicherweise passt das Gehirn auch seine Informationsverarbeitung an und legt dabei zunehmend Wert auf angesammeltes Wissen, das Erkennen von Mustern und das Verständnis übergeordneter Zusammenhänge.
Wie sich die Prioritäten des Gehirns verändern könnten
Zwei Hirnregionen sind für diese Erklärung besonders wichtig. Der Hippocampus hilft dabei, detaillierte Erinnerungen an Ereignisse zu bilden und abzurufen, einschließlich der Frage, wo und wann etwas geschehen ist. Die Frontalkortexregion ist an komplexeren Denkprozessen beteiligt, etwa am Erkennen von Mustern, an der Interpretation von Informationen und am Ziehen von Schlussfolgerungen aus früheren Erfahrungen.
Den Forschern zufolge könnte sich beim gesunden Altern das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Systemen allmählich verschieben. Jüngere Menschen müssen häufig große Mengen unbekannter Informationen aufnehmen und gleichzeitig ein Verständnis für die Welt entwickeln.
Ein detailliertes Gedächtnis kann in dieser Lebensphase besonders wertvoll sein. Nach Jahrzehnten voller Erfahrungen verfügen ältere Menschen dagegen über einen größeren Wissensschatz, auf den sie zurückgreifen können.
Die Hypothese des adaptiven Alterns
Das Forschungsteam bezeichnet seine Erklärung als Hypothese des adaptiven Alterns. Sie stützt sich auf Erkenntnisse aus der Molekularbiologie, der bildgebenden Hirnforschung und Studien mit Tiermodellen. Diese Ergebnisse sollen darauf hindeuten, dass bestimmte altersbedingte Veränderungen eine geordnete Entwicklungsphase widerspiegeln könnten.
Die Theorie geht davon aus, dass gesammelte Erfahrungen mit zunehmender Reife des Gehirns immer wertvoller werden. Vertraute Muster zu erkennen und neue Informationen mit vorhandenem Wissen zu verknüpfen, kann das Urteilsvermögen, die Problemlösungsfähigkeit und die Interpretation komplexer Situationen unterstützen.
Die Forscher vermuten außerdem, dass diese Fähigkeiten zum gesellschaftlichen Wert älterer Menschen beitragen können. Lebenserfahrung kann beim Mentoring, beim Unterrichten, beim Erzählen von Geschichten und bei der Weitergabe praktischen Wissens zwischen Generationen hilfreich sein.
Allerdings handelt es sich bei dieser Hypothese bislang um einen vorgeschlagenen Erklärungsansatz und nicht um eine bewiesene Erklärung für sämtliche kognitiven Veränderungen. Nicht jeder Mensch entwickelt im Alter mehr Weisheit. Auch Bildung, Gesundheit, Lebenserfahrung und individuelle Lebensumstände können die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen.
Einschätzung eines Experten
Fabian-Xosé Fernandez, außerordentlicher Professor für Kognition und neuronale Systeme an der University of Arizona und Mitautor der Forschungsarbeit, betonte, dass es zu kurz greift, das Altern ausschließlich als einen Prozess des geistigen Abbaus zu betrachten.
„Wenn wir das normale Altern ausschließlich als eine Geschichte des Abbaus betrachten, übersehen wir einen wesentlichen Teil des Gesamtbildes.“
Gesundes Altern unterscheidet sich von der Alzheimer-Krankheit
Ein wichtiger Aspekt des Erklärungsmodells der Forscher ist die Unterscheidung zwischen typischen kognitiven Veränderungen im Alter und der Alzheimer-Krankheit. Obwohl beide mit Veränderungen des Gedächtnisses einhergehen können, müssen ihnen nicht dieselben biologischen Prozesse zugrunde liegen.
Beim gesunden Altern könnte sich die vermutete Verlagerung hin zu umfassenderem Wissen und einer ganzheitlicheren Interpretation allmählich vollziehen. Die Alzheimer-Krankheit hingegen ist durch krankheitsbedingte Prozesse gekennzeichnet, die Gedächtnisnetzwerke beeinträchtigen und es erschweren können, persönliche Erlebnisse abzurufen oder bereits erlernte Informationen zu nutzen.
Die Forscher erörtern eine abnorme Aktivität im Hippocampus sowie Veränderungen im Zusammenhang mit Proteinen wie Amyloid und Tau als mögliche biologische Unterschiede, die genauer untersucht werden müssen. Diese Prozesse können die normale geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, anstatt lediglich einen adaptiven Entwicklungsschritt widerzuspiegeln.
Mehr Möglichkeiten für den Wissensaustausch schaffen
Die Hypothese wirft auch praktische Fragen dazu auf, wie Gemeinschaften die über Generationen gesammelten Erfahrungen besser nutzen können. Möglichkeiten zur Betreuung und Begleitung jüngerer Menschen, zum Unterrichten und zur gemeinsamen Problemlösung können älteren Menschen helfen, ihr Wissen weiterzugeben und gleichzeitig wichtige soziale Kontakte zu pflegen.
Regelmäßige soziale Kontakte, geistig anregende Aktivitäten, körperliche Bewegung und ausreichend Schlaf werden ebenfalls allgemein als Bestandteile eines gesunden Alterns empfohlen. Obwohl die vorliegende Studie diese Aktivitäten nicht als konkrete Maßnahmen untersucht hat, können sie das allgemeine Wohlbefinden und die Teilhabe am Alltag fördern.
Die Theorie besagt weder, dass das Altern einen kognitiven Abbau verhindert, noch, dass jeder ältere Mensch an Weisheit gewinnt. Vielmehr regt sie zu einem ausgewogeneren Verständnis der Gehirnentwicklung an, das sowohl die Herausforderungen des Älterwerdens als auch den möglichen Wert lebenslanger Erfahrungen berücksichtigt.
Weitere Forschungsarbeiten müssen zeigen, wie gut sich diese Annahme durch wissenschaftliche Belege stützen lässt.