Hunde hören Formen

· Tier-Team
Ein Geräusch nimmt man normalerweise mit den Ohren wahr, nicht mit den Augen. Dennoch verbindet das menschliche Gehirn bestimmte Klänge häufig mit bestimmten Formen.
Ein rundes Objekt scheint beispielsweise zu einem weich klingenden Wort zu passen, während ein kantiges Objekt besser zu einem scharfen, klaren Klang zu passen scheint.
Neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass Haushunde ähnliche Verbindungen herstellen können. Das liefert weitere Hinweise darauf, wie Tiere Informationen über verschiedene Sinneskanäle verarbeiten.
Eine ungewöhnliche Verbindung zwischen Klang und Form
Dieses Phänomen ist als Bouba-Kiki-Effekt bekannt. In Studien mit Menschen verbinden die meisten Teilnehmenden das Fantasiewort „Bouba“ mit runden Formen und „Kiki“ mit kantigen Formen.
Da diese Wörter keine festgelegte Bedeutung haben, deutet das Muster darauf hin, dass bestimmte Klangeigenschaften auf natürliche Weise mit visuellen Merkmalen zusammenhängen könnten.
Forschende wollten herausfinden, ob sich diese Verbindung auch bei Hunden beobachten lässt. Die 2026 in Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences veröffentlichte Studie untersuchte, wie Haushunde auf die beiden erfundenen Laute reagierten, während sie unterschiedliche Formen betrachteten.
An der Untersuchung nahmen 70 Hunde teil. Geleitet wurde sie von Eleonora Biffi und ihrem Forschungsteam.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Hunde abhängig vom jeweils abgespielten Laut eine beständige Vorliebe für bestimmte Formen zeigen würden.
So liefen die Experimente ab
Die Forschenden führten zwei Experimente durch. Am ersten nahmen 51 Hunde gemeinsam mit ihren Besitzern teil.
Jeder Hund bekam zwei Bildschirme zu sehen, auf denen schwarze Formen dargestellt waren: eine mit abgerundeten Kanten und eine mit spitzen Winkeln.
Über Lautsprecher wurde wiederholt entweder „Bouba“ oder „Kiki“ abgespielt, während die Hunde vor den Bildschirmen standen.
Zu Beginn jedes Durchgangs hielten die Besitzer ihre Hunde so, dass diese den Bildschirmen zugewandt waren. Eine Kamera zeichnete das Verhalten der Tiere auf. Anschließend konnten die Forschenden auswerten, welcher Bildschirm ihre Aufmerksamkeit stärker auf sich zog.
Nach dieser Beobachtungsphase durften sich die Hunde frei bewegen und den Bereich erkunden. So konnte das Team ihre Reaktionen auch jenseits der reinen Blickrichtung untersuchen.
Am zweiten Experiment nahmen 19 weitere Hunde teil. Diesmal trugen die Besitzer Kopfhörer, über die Musik abgespielt wurde. Dadurch konnten sie die Testlaute nicht hören.
Diese Anpassung sollte eine mögliche Fehlerquelle verringern: wenn Besitzer wissen, welcher Laut gerade abgespielt wird, könnten sie ihre Hunde unbewusst durch Bewegungen oder andere subtile Signale beeinflussen.
Was die Reaktionen der Hunde verrieten
In beiden Experimenten betrachteten die Hunde runde Formen deutlich länger, wenn „Bouba“ abgespielt wurde. Bei „Kiki“ richtete sich ihre Aufmerksamkeit dagegen stärker auf spitze Formen. Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Tiere die Klangeigenschaften mit unterschiedlichen visuellen Formen in Verbindung brachten.
Während der anschließenden Phase, in der sich die Hunde frei bewegen durften, untersuchten sie im ersten Experiment auch die spitze Form länger, wenn „Kiki“ zu hören war. Im zweiten Experiment zeigte sich bei der freien Erkundung jedoch nicht dieselbe Vorliebe.
Dieser Unterschied ist wichtig. Er deutet darauf hin, dass die Verbindung bei den Blickreaktionen der Hunde deutlicher ausfiel als bei ihrem anschließenden Erkundungsverhalten. Die Ergebnisse sollten deshalb vorsichtig interpretiert werden. Sie beweisen nicht, dass Hunde Klänge genauso verstehen wie Menschen.
Was die Ergebnisse über die Tierkognition verraten
Viele Menschen gehen davon aus, dass die symbolische Interpretation von Klängen fortgeschrittene Sprachfähigkeiten voraussetzt. Der Bouba-Kiki-Effekt wirft jedoch die Frage auf, ob manche Verbindungen zwischen Klang und Aussehen auf grundlegenderen Wahrnehmungsmechanismen beruhen könnten.
Ein Laut mit abrupten Klangwechseln könnte beispielsweise zu einer kantigen Form passen, während ein sanfter, fließender Klang eher mit einer geschwungenen Form harmoniert. Forschende versuchen noch immer zu verstehen, warum solche Verbindungen entstehen und bei welchen Tierarten sie vorkommen.
Die Hundestudie trägt zu dieser Forschungsfrage bei, indem sie zeigt, dass ein Tier offenbar keine gesprochene Sprache benötigt, um einen Zusammenhang zwischen akustischen und visuellen Informationen erkennen zu lassen.
Allerdings lässt sich aus den Experimenten nicht eindeutig ableiten, was genau in den Köpfen der Hunde vorgeht. Ihr Verhalten könnte auf Wahrnehmungsvorlieben oder erlernten Verknüpfungen beruhen, statt auf einem Verständnis von Wörtern als Symbolen.
Die Studie bietet einen faszinierenden Einblick darin, wie Hunde möglicherweise das Gehörte mit dem Gesehenen verbinden. Ihre Reaktionen auf „Bouba“ und „Kiki“ legen nahe, dass solche Klang-Form-Verbindungen nicht ausschließlich beim Menschen auftreten. Welche geistigen Prozesse dahinterstecken, ist allerdings noch unklar.
Die Ergebnisse beweisen also nicht, dass Hunde Sprache so verstehen wie Menschen.
Vielmehr weisen sie auf eine umfassendere Möglichkeit hin: unsere verschiedenen Sinne könnten auf eine Weise zusammenarbeiten, die die Wissenschaft erst allmählich zu verstehen beginnt.
Weitere Untersuchungen werden zeigen müssen, wie weit verbreitet solche Verbindungen sind und was sie über die Wahrnehmung von Tieren verraten.