Verbrenner-Wende
Andrea
Andrea
| 28-10-2026
Fahrzeugteam · Fahrzeugteam
Die Zukunft des Verbrennungsmotors in Europa bleibt umstritten. Deutschland und Frankreich haben sich auf eine gemeinsame Position verständigt, die eine Lockerung der geplanten EU-Vorgaben für Neuwagen ab 2035 vorsieht.
An den Börsen sorgte die Nachricht für deutliche Kursgewinne bei Volkswagen, BMW und Mercedes.
Doch während die Automobilindustrie auf mehr Spielraum hofft, warnen Kritiker vor möglichen Nachteilen für den Klimaschutz und den europäischen Arbeitsmarkt.

Autowerte legen deutlich zu

Die Einigung zwischen Deutschland und Frankreich hat die Aktien europäischer Automobilhersteller spürbar beflügelt. Nachdem der europäische Automobilsektor in der Vorwoche auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren gefallen war, setzte eine deutliche Erholung ein.
Bis zum Mittag legte der Branchenindex um 2,3 Prozent zu und entwickelte sich damit zum stärksten Sektor im europäischen Stoxx 600. Auch an der deutschen Börse reagierten die Anleger positiv. Die Aktien von Volkswagen, BMW und Mercedes verzeichneten im DAX jeweils Kursgewinne von mehr als drei Prozent.
Auslöser war die gemeinsame Position Deutschlands und Frankreichs zur Zukunft des Verbrennungsmotors. Beide Regierungen wollen die bisher vorgesehenen EU-Vorgaben für Neuwagen ab 2035 abschwächen. Damit könnte das geplante faktische Aus für neue Benzin- und Dieselautos in der Europäischen Union gelockert werden.
Verbrenner-Wende

Weniger strenge CO₂-vorgaben

Das Reduktionsziel für die durchschnittlichen CO₂-Emissionen soll von 100 auf 90 Prozent sinken. Nach dem deutsch-französischen Vorschlag müssten die Automobilhersteller ihre Emissionen damit weniger stark reduzieren als ursprünglich vorgesehen. Für die verbleibenden zehn Prozent wären keine zusätzlichen Ausgleichsmaßnahmen erforderlich.
Die geplante Änderung kommt insbesondere deutschen Autoherstellern entgegen. Sie könnten auch nach 2035 weiterhin neue Fahrzeuge mit Benzin- und Dieselmotoren verkaufen, sofern ihre gesamte Neuwagenflotte die geltenden Emissionsvorgaben einhält.
Das Centrum für Europäische Politik (cep) bewertet die größere Flexibilität bei den CO₂-Flottengrenzwerten als wichtiges Signal.
Sie könne der europäischen Automobilindustrie finanziellen Spielraum für den Übergang zur Elektromobilität verschaffen.
Aus der Opposition kommt jedoch Kritik. Katharina Dröge, Fraktionsvorsitzende der Grünen, betont, dass sich immer mehr Menschen für Elektroautos entschieden. Hohe Kraftstoffpreise und staatliche Kaufprämien machten elektrische Fahrzeuge in Deutschland zunehmend attraktiv.
Im September wurden hierzulande 88.599 reine Elektroautos neu zugelassen. Ihr Anteil an allen Neuzulassungen lag damit bei 34,5 Prozent.
Dröge fordert deshalb, verstärkt in Zukunftstechnologien zu investieren. Dazu gehören Batterietechnik, nutzerfreundliche Lademöglichkeiten, Elektroautos als Speicher für das Energiesystem und autonomes Fahren. Andernfalls könnten wichtige Arbeitsplätze in der Batterie- und Elektroautoproduktion zunehmend außerhalb Europas entstehen.

Experten warnen vor arbeitsplatzverlusten

Auch der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht Risiken für den europäischen Arbeitsmarkt. Zwar könne die Vereinbarung zunächst dazu beitragen, zusätzliche Belastungen für die Automobilindustrie und ihre Beschäftigten zu vermeiden. Gleichzeitig könnte sie jedoch den Import von Verbrennerfahrzeugen erleichtern, die europäische Hersteller in den USA produzieren.
Dort dürfte die Nachfrage nach Benzin- und Dieselautos nach Einschätzung Dudenhöffers noch lange bestehen bleiben. Würden die bisherigen EU-Regeln ab 2035 unverändert gelten, könnten solche Fahrzeuge aus amerikanischer Produktion anschließend nicht mehr in der Europäischen Union neu zugelassen werden.
Bei einer Lockerung der Vorgaben wäre das anders. Deutsche Hersteller könnten ihre Verbrenner weiterhin in den USA produzieren und von dort auch den europäischen Markt beliefern.
Dudenhöffer befürchtet deshalb eine Verlagerung von Arbeitsplätzen in die Vereinigten Staaten. Sollten ab 2035 noch zehn Prozent der Neuwagen in der EU mit Verbrennungsmotoren ausgestattet sein dürfen, könnten deutsche Hersteller diese Fahrzeuge verstärkt in den USA bauen. Die dortige Produktion könnte dann nicht nur den amerikanischen Markt, sondern auch europäische Kunden versorgen.
Nach seiner Einschätzung könnte dadurch ein Produktionsanteil von bis zu zehn Prozent des EU-Neuwagenmarktes in die USA verlagert werden. Die politische Vereinbarung, die eigentlich die europäische Industrie stärken soll, könnte somit unbeabsichtigt Arbeitsplätze ins Ausland verschieben.

Mehr elektroautos aus europa

Bundesumweltminister Carsten Schneider betont, dass sich Elektroautos langfristig durchsetzen werden. Ausschlaggebend seien ihre technischen Vorteile und die Möglichkeit, beim Fahren Geld zu sparen.
Für ihn steht deshalb vor allem die Frage im Mittelpunkt, wo die Fahrzeuge künftig produziert werden. Europa müsse sicherstellen, dass Elektroautos nicht überwiegend aus China kommen, sondern auch an europäischen Standorten hergestellt werden. Die geplante Lockerung der CO₂-Vorgaben soll den Herstellern nach Ansicht des SPD-Politikers zusätzlichen Handlungsspielraum verschaffen.
Dadurch könnten sie leichter in Elektromobilität und europäische Produktionsstandorte investieren. Das deutsch-französische Papier sieht außerdem mehr Flexibilität vor, damit Unternehmen auf unerwartete wirtschaftliche Belastungen reagieren und unverhältnismäßig hohe Strafzahlungen vermeiden können.
Für den Zeitraum 2030/2031 werden mehrjährige Zielzeiträume vorgeschlagen. Dadurch könnten die durchschnittlichen CO₂-Werte über mehrere Jahre berechnet werden. Zusätzlich ist ein Anrechnungsmechanismus für CO₂-Gutschriften vorgesehen, die ausschließlich im Jahr 2029 entstehen.
Neben den veränderten Emissionsvorgaben wollen Deutschland und Frankreich auch die europäischen Kapazitäten für die Entwicklung und Herstellung von Elektroautos ausbauen.
Ein wichtiger Bestandteil des Vorschlags ist die stärkere Verknüpfung staatlicher Fördermittel mit der Wertschöpfung innerhalb Europas. Der Anteil europäischer Fertigung soll deshalb schrittweise steigen. Für die Automobilbranche soll das Prinzip „Made in Europe“ die 27 EU-Mitgliedstaaten umfassen, zugleich aber auch Ländern wie Großbritannien eine Beteiligung ermöglichen.
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DAX profitiert von weiteren Impulsen

Nicht nur die Autowerte sorgten an diesem Handelstag für positive Stimmung. Auch der deutsche Leitindex DAX legte bis zum Mittag um 0,8 Prozent auf 25.588 Punkte zu.
Zuvor hatten Sorgen über das Zinsumfeld und die Finanzierung umfangreicher Investitionen in künstliche Intelligenz die Anleger verunsichert. Eine überraschend hohe Inflation in den USA hatte Befürchtungen ausgelöst, dass die US-Notenbank Federal Reserve den Leitzins noch im Oktober erneut anheben könnte. Dadurch würden Kredite für Verbraucher, Unternehmen und den Staat teurer.
Zusätzlich zweifelten einige Anleger daran, ob sich die milliardenschweren Investitionen großer Technologieunternehmen in künstliche Intelligenz tatsächlich auszahlen würden. Eine Rede des Fed-Chefs Kevin Warsh brachte jedoch neue Zuversicht. Da er sich nicht konkret zur Geldpolitik äußerte, sank aus Sicht der Märkte die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung im Oktober deutlich.
Zugleich betonte Warsh, dass Investitionen in künstliche Intelligenz die US-Wirtschaft erheblich unterstützten. „Kevin Warsh gibt den Börsen den Optimismus zurück“, erklärte Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners.
Auch positive Unternehmensnachrichten stützten die Stimmung. Der Elektronikkonzern Schneider Electric erhöhte zum zweiten Mal seine Umsatz- und Gewinnziele für 2026. Die Aktien des Chipanlagenbauers Aixtron waren nach überzeugenden Geschäftszahlen ebenfalls gefragt. Auch der Windkraftanlagenhersteller Nordex entwickelte sich besser als erwartet.
Die Börsen reagierten damit auf eine Mischung aus politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Aussichten und positiven Unternehmensnachrichten. Ob die geplante Lockerung des Verbrenner-Aus tatsächlich die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Automobilindustrie stärkt, wird sich allerdings erst langfristig zeigen.
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