EU-Haushalt

· Wissenschaftsteam
Die Europäische Union steht vor einer schwierigen finanziellen Entscheidung: Bei der Planung ihres langfristigen Haushalts für die Jahre 2028 bis 2034 muss sie unterschiedliche Interessen miteinander vereinbaren.
Ein im Oktober 2026 von der irischen Ratspräsidentschaft vorgelegter Kompromissvorschlag konnte bislang keine breite Zustimmung erzielen.
Vor allem Länder, die mehr Geld in den EU-Haushalt einzahlen, als sie daraus zurückerhalten, halten die geplanten Kürzungen für unzureichend.
Der 1,62-billionen-euro-haushalt
Der überarbeitete Finanzrahmen umfasst für einen Zeitraum von sieben Jahren rund 1,622 Billionen Euro, gerechnet zu Preisen des Jahres 2025. Damit liegt er etwa 141 Milliarden Euro beziehungsweise rund acht Prozent unter dem vergleichbaren ursprünglichen Vorschlag. Insgesamt fällt er jedoch weiterhin größer aus als der derzeitige Haushalt für den Zeitraum von 2021 bis 2027. Die Europäische Kommission hatte zunächst einen Finanzrahmen von nahezu zwei Billionen Euro zu jeweiligen Preisen vorgeschlagen.
Warum die Preisberechnung wichtig ist
Bei solchen Vergleichen spielt die Inflation eine entscheidende Rolle. Da sich die Kaufkraft des Geldes im Laufe der Zeit verändert, lassen sich Haushaltsbeträge nur dann sinnvoll gegenüberstellen, wenn berücksichtigt wird, auf welches Preisjahr sie sich beziehen. Deutschland und mehrere andere Nettozahler sind der Ansicht, dass die überarbeitete Planung die nationalen Haushalte noch immer zu stark belastet.
Sie fordern eine sorgfältigere Verwendung der verfügbaren Mittel und möchten die finanziellen Verpflichtungen gegenüber der EU begrenzen.
Allerdings bringt eine Verringerung des Gesamtbudgets auch Nachteile mit sich. Zwar könnten niedrigere Ausgaben den Druck auf die nationalen Haushalte reduzieren, gleichzeitig stünden aber weniger Mittel für Programme zur Verfügung, die die Produktivität steigern, strukturschwache Regionen unterstützen und Europas langfristige Wirtschaftskraft stärken sollen.
Unterschiedliche prioritäten bei den ausgaben
Der Kompromiss sieht vor, die einzelnen Ausgabenbereiche unterschiedlich stark zu kürzen. Die Mittel für die Wettbewerbsfähigkeit sollen um etwa 13 Prozent sinken, während die Finanzierung der internationalen Zusammenarbeit um rund 17 Prozent reduziert werden soll. Die Landwirtschaft und die Programme zur Förderung des regionalen Zusammenhalts wären mit Kürzungen von jeweils ungefähr drei Prozent vergleichsweise weniger stark betroffen.
Wirtschaftliche Zukunft oder bewährte Förderprogramme?
Diese unterschiedliche Verteilung der Einsparungen gehört zu den zentralen Streitpunkten. Länder, die einen schlankeren Haushalt anstreben, möchten die Ausgaben stärker an den wirtschaftlichen Herausforderungen und den Prioritäten der Zukunft ausrichten. Andere Mitgliedstaaten wollen dagegen die Unterstützung für Landwirte und wirtschaftlich weniger entwickelte Regionen weitgehend erhalten.
Dort sind EU-Mittel häufig eine wichtige Grundlage für Investitionen und die regionale Entwicklung. Programme zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit fördern unter anderem Forschung, Innovation und die Entwicklung von Unternehmen. Kürzungen könnten deshalb die Finanzierung von Projekten einschränken, die auf eine höhere Produktivität und eine leistungsfähigere Industrie abzielen.
Die Agrarförderung und die Förderung des regionalen Zusammenhalts erfüllen wiederum eine wichtige Funktion für ländliche Gemeinden, den Ausbau der Infrastruktur und die wirtschaftliche Entwicklung benachteiligter Gebiete. Eine ausgewogene Haushaltsplanung muss daher sowohl neue wirtschaftliche Anforderungen als auch bestehende Förderbedürfnisse berücksichtigen.
Weniger flexibilität im haushalt
Neben dem Gesamtvolumen sorgt auch die geplante Struktur des Finanzrahmens für Diskussionen. Besonders kritisch wird die vorgesehene Kürzung der sogenannten EU-Fazilität um rund 40 Prozent gesehen. Dieses Instrument soll finanzielle Spielräume schaffen, wenn unerwartete Herausforderungen zusätzliche Mittel erforderlich machen.
Warum finanzielle Reserven wichtig sind
Ein Haushalt, der über sieben Jahre hinweg gilt, muss auf wirtschaftliche Krisen, veränderte Investitionsbedürfnisse und unvorhergesehene Kosten reagieren können. Werden nahezu alle verfügbaren Mittel bereits im Voraus fest verplant, kann es schwierig werden, bei neuen Entwicklungen schnell und angemessen zu handeln.
Gleichzeitig haben umfangreiche finanzielle Reserven ihren Preis: Geld, das für mögliche Krisen zurückgehalten wird, steht nicht unmittelbar für bereits geplante Programme zur Verfügung.
Die Verantwortlichen müssen deshalb einen Mittelweg finden. Langfristige Projekte benötigen verlässliche Finanzierungszusagen, während zugleich genügend Spielraum erhalten bleiben sollte, um auf neue wirtschaftliche und politische Herausforderungen reagieren zu können.
Neue einnahmequellen für die EU
Um die Abhängigkeit von Beiträgen der Mitgliedstaaten zu verringern, prüft die Europäische Union zusätzliche Möglichkeiten zur Finanzierung ihres Haushalts. Die Europäische Kommission hat dafür verschiedene Einnahmequellen vorgeschlagen, darunter Abgaben im Zusammenhang mit dem Emissionshandel, mit CO₂-intensiven Importen, mit Elektroschrott sowie Beiträge großer Unternehmen.
Bis zu 58,2 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen pro Jahr
Zusammen mit Anpassungen an bestehenden Einnahmeregelungen könnten die vorgeschlagenen Maßnahmen nach Schätzungen der Kommission jährlich rund 58,2 Milliarden Euro zu Preisen des Jahres 2025 einbringen.
Neue Einnahmequellen könnten dazu beitragen, gemeinsame europäische Vorhaben zu finanzieren und den finanziellen Druck auf die nationalen Haushalte zu verringern.
Wie die einzelnen Maßnahmen ausgestaltet werden und in welchem Umfang sie tatsächlich zusätzliche Einnahmen erzielen, bleibt jedoch eine wichtige Frage für die weiteren Verhandlungen.
Experten warnen vor falschen Einsparungen
Piotr Serafin, EU-Kommissar für Haushalt, Betrugsbekämpfung und öffentliche Verwaltung, hat den Zusammenhang zwischen finanzieller Disziplin und der Qualität öffentlicher Investitionen hervorgehoben.
Seine zentrale Botschaft lautet: ein besonders sparsamer EU-Haushalt muss für die europäischen Steuerzahler nicht wangsläufig günstiger sein. Entscheidend ist nicht allein, wie viel Geld ausgegeben wird, sondern auch, welche Ergebnisse mit den verfügbaren Mitteln erzielt werden.
Zu starke Kürzungen könnten langfristig zusätzliche Kosten verursachen, wenn dadurch wichtige Investitionen in Forschung, wirtschaftliche Entwicklung oder die Widerstandsfähigkeit Europas ausbleiben.
Umgekehrt müssen die Verantwortlichen sicherstellen, dass öffentliche Gelder gezielt eingesetzt werden und die finanziellen Verpflichtungen der Mitgliedstaaten tragbar bleiben.
Die einigung bleibt schwierig
Der geplante EU-Haushalt für die Jahre 2028 bis 2034 wird weiterhin verhandelt. Die Mitgliedstaaten sind sich vor allem über das Gesamtvolumen, die Verteilung der Ausgaben und die finanziellen Spielräume für zukünftige Herausforderungen uneinig. Der irische Kompromiss reduziert zwar den ursprünglichen Vorschlag, doch insbesondere die Kürzungen bei der Wettbewerbsfähigkeit und die geringere finanzielle Flexibilität stoßen weiterhin auf Bedenken.
Eine tragfähige Einigung wird davon abhängen, ob es gelingt, bezahlbare Beiträge mit langfristigen Investitionen und einer verlässlichen Finanzierung bestehender Programme zu verbinden.
Die Entscheidung wird maßgeblich beeinflussen, wie gut die Europäische Union in den kommenden sieben Jahren Forschung fördern, regionale Unterschiede verringern, Unternehmen stärken und auf wirtschaftliche Unsicherheiten reagieren kann.