Wunderwelt Wirbellose

· Tier-Team
Wirbeltiere bekommen in der Natur meist die meiste Aufmerksamkeit.
Pandas gelten als Symbole des Artenschutzes, Wale inspirieren Dokumentationen und Großkatzen dominieren die Tierfotografie.
Gleichzeitig übernehmen mehr als 1,3 Millionen bekannte Wirbellosenarten einen Großteil der weniger spektakulären Aufgaben, die Ökosysteme am Leben erhalten.
Sie bestäuben Pflanzen, zersetzen abgestorbenes Material, sind wichtige Bestandteile von Nahrungsketten und leben in nahezu jedem erdenklichen Lebensraum. Einige von ihnen besitzen zudem Fähigkeiten, die eher nach Science-Fiction als nach Naturgeschichte klingen.
Die Shortlist zum „Wirbellosen des Jahres 2026“ zeigt, dass einige der erstaunlichsten Tiere unseres Planeten unter einem Stein, im offenen Meer oder mitten im Garten zu finden sind.
Die Qualle, die neu anfangen kann
Die Unsterbliche Qualle besitzt vermutlich den faszinierendsten Trick der gesamten Auswahl. Unter bestimmten Bedingungen kann sie aus ihrem ausgewachsenen Zustand in ein früheres Jugendstadium zurückkehren und ihre Entwicklung erneut beginnen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sie tatsächlich unsterblich ist. Die Tiere können gefressen werden, erkranken oder durch Umweltbedingungen sterben. Außergewöhnlich ist vielmehr ihre Fähigkeit, einen Teil ihres Lebenszyklus umzukehren, anstatt den üblichen Weg von der Jugend bis zum Erwachsenenstadium fortzusetzen.
Für Forschende, die sich mit Alterungsprozessen und der Regeneration von Zellen beschäftigen, macht allein diese Fähigkeit die Qualle zu einem besonders interessanten Kandidaten.
Eine Meeresschnecke mit Sonnenenergie
Noch ungewöhnlicher wirkt das Leaf Sheep, eine winzige Meeresschnecke mit grünem Körper und Strukturen, die an kleine Blätter erinnern.
Ihr auffälliges Aussehen hängt mit einer ebenso ungewöhnlichen Überlebensstrategie zusammen. Die Schnecke kann Chloroplasten aus den von ihr gefressenen Algen in ihrem Körper behalten und die darin erzeugte Energie nutzen.
Dadurch wird sie häufig als eine Art „Solar-Meeresschnecke“ beschrieben.
Nur wenige Tiere verwischen die Grenze zwischen Pflanze und Tier optisch so überzeugend.
Der lauteste Kandidat
Zurückhaltung gehört nicht zu den Stärken der Greengrocer-Zikade. Ihr Ruf kann mehr als 120 Dezibel erreichen und damit eine Lautstärke, die für das menschliche Gehör körperlich unangenehm sein kann.
Zikaden nutzen ihre Rufe zur Kommunikation und zur Partnersuche.
Bei dieser australischen Art macht jedoch die enorme Lautstärke besonders deutlich, wie wirkungsvoll Insekten Schall einsetzen können.
Ganz anders beeindruckt die Wanderlibelle. Sie ist für ihre außergewöhnlich langen Wanderungen bekannt und gilt als das Insekt mit der größten bekannten Migrationsreichweite.
Eine Rückkehr, die unmöglich schien
Der Lord-Howe-Stabschrecke verdankt ihre Aufnahme in die Shortlist vor allem einer bemerkenswerten Artenschutzgeschichte. Nachdem invasive Ratten ihren Lebensraum auf der Lord-Howe-Insel erreicht hatten, galt das riesige Insekt einst als ausgestorben.
Später wurde auf Ball’s Pyramid, einer steil aus dem Meer ragenden Vulkanformation, eine kleine überlebende Population entdeckt.
Die Wiederentdeckung zeigt eindrucksvoll, dass eine Art, die praktisch als verschwunden gilt, manchmal in einem unerwarteten Rückzugsgebiet überleben kann.
Bei dieser Art geht es auf der Shortlist weniger um eine spektakuläre körperliche Fähigkeit als um ihre außergewöhnliche Widerstandskraft.
Blaues Blut und giftiger Schleim
Die Pfeilschwanzkrebse existieren in ihrer heutigen Grundform seit rund 445 Millionen Jahren. Trotz ihres Namens sind sie näher mit Spinnen und Skorpionen verwandt als mit echten Krabben. Ihr ungewöhnlich blaues Blut spielt zudem eine wichtige Rolle bei medizinischen Sicherheitstests.
Der Schnurwurm setzt dagegen auf eine weniger elegante Verteidigung. Er produziert einen giftigen Schleim, der andere Tiere beeinträchtigen kann. Forschende untersuchen bestimmte Bestandteile dieses Schleims, die künftig möglicherweise als Grundlage für neue Methoden zur Insektenbekämpfung dienen könnten.
Ebenfalls auf der Shortlist stehen die seltene Moscardón-Hummel, die weit verbreitete Kellerassel und einer der spektakulärsten Kandidaten überhaupt: der Neon-Flugkalmar.
Ja, der Kalmar fliegt wirklich
Neon-Flugkalmare können sich mithilfe kräftiger Wasserstrahlen aus dem Meer katapultieren und durch die Luft gleiten. Teilweise sind sie dabei sogar in Gruppen über der Wasseroberfläche zu beobachten.
Damit passt der Kalmar perfekt zu einer Shortlist, die mit dem Vorurteil aufräumt, Wirbellose seien irgendwie einfach oder unspektakulär.
Von Regeneration und extremen Wanderungen über chemische Abwehrmechanismen bis hin zu fliegenden Kalmaren haben Wirbellose erstaunliche Überlebensstrategien entwickelt. Würde man einige davon für einen Science-Fiction-Film erfinden, würden sie vermutlich völlig unrealistisch wirken.
Der eigentliche Wert dieser Auszeichnung liegt deshalb nicht darin, das seltsamste Tier zu bestimmen. Vielmehr macht sie sichtbar, wie viel außergewöhnliches Leben normalerweise übersehen wird – oft einfach, weil es klein ist.