Gesund zu Fuß

· Wissenschaftsteam
Bewegung wird oft als Frage der persönlichen Motivation betrachtet:
mehr zu Fuß gehen, regelmäßig trainieren und gesündere Entscheidungen treffen. Doch die Forschung zeigt, dass auch unsere Umgebung eine wichtige Rolle spielt.
Gehwege, gut verbundene Straßen, Geschäfte in der Nähe, Parks, Beleuchtung und sichere Übergänge können beeinflussen, wie leicht sich Bewegung in den Alltag integrieren lässt. Aktiv zu sein hängt also nicht nur von Disziplin ab. Entscheidend ist auch, ob ein Viertel Bewegung einfach macht oder unnötig erschwert.
Die Grundidee ist einfach: menschen bewegen sich möglicherweise mehr, wenn Gehen zur bequemsten Option wird und nicht zu einer zusätzlichen Aufgabe, die geplant werden muss.
Was macht einen Ort fußgängerfreundlich?
Als fußgängerfreundlich gilt eine Umgebung, wenn alltägliche Ziele zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Mobilitätshilfen gut erreichbar sind. Forschende betrachten dabei unter anderem die Länge von Straßenblöcken, die Anzahl der Straßenverbindungen und die Entfernung zu Geschäften, Cafés, Parks oder Bibliotheken.
Auch kleinere Details können einen Unterschied machen. Durchgehende Gehwege, Sitzbänke, gute Beleuchtung und sichere Zebrastreifen entscheiden mit darüber, ob sich ein kurzer Weg angenehm und unkompliziert anfühlt. Das ist besonders für ältere Menschen, Kinder und Personen mit eingeschränkter Mobilität wichtig.
Die klinische Psychologin Dr. Abby King von der Stanford University beschäftigt sich seit Jahren damit, wie das soziale und räumliche Umfeld unsere körperliche Aktivität beeinflusst. Ihrer Forschung zufolge kann die Umgebung alltägliches Verhalten stark mitprägen. Deshalb kann es wirksamer sein, gesunde Entscheidungen einfacher zu machen, als sich ausschließlich auf Willenskraft zu verlassen.
Ein Umzug kann die Bewegung verändern
Aktuelle Forschungen von King und ihrem Team untersuchten, was passiert, wenn Menschen zwischen Städten mit unterschiedlicher Fußgängerfreundlichkeit umziehen.
Wer in eine besser begehbare Umgebung zog, erhöhte seine tägliche Schrittzahl um rund 1.100 Schritte. Über eine Woche gerechnet entsprach das fast einer zusätzlichen Stunde körperlicher Aktivität.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine veränderte Umgebung mehr Bewegung fördern kann, ohne dass Menschen dafür ein formelles Trainingsprogramm beginnen müssen.
Das ist relevant, weil regelmäßige körperliche Aktivität mit einem geringeren Risiko für verschiedene chronische Erkrankungen verbunden ist. Dazu zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Depressionen.
Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass das Leben in einem fußgängerfreundlichen Viertel diese Erkrankungen automatisch verhindert. Gesundheit wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Die Studie zeigt vor allem, dass die gebaute Umwelt mehr Bewegung im Alltag unterstützen kann.
Man muss nicht gleich umziehen
Ein Umzug in eine andere Stadt ist für die meisten Menschen natürlich keine realistische Lösung. Genau hier setzt Kings Forschungsprogramm „Our Voice“ an.
Dabei dokumentieren Bewohner mithilfe einer einfachen App, welche Merkmale in ihrem Viertel das Gehen erleichtern oder erschweren. Ihre Beobachtungen können anschließend mit Verantwortlichen in den Gemeinden geteilt werden.
Das Programm wurde bereits in mehr als 30 US-Bundesstaaten und in über 30 Ländern auf sechs Kontinenten eingesetzt.
Dabei wird deutlich: eine bessere Fußgängerinfrastruktur muss nicht zwangsläufig bedeuten, ein ganzes Viertel neu zu bauen.
Schon bessere Beleuchtung, sicherere Straßenübergänge, mehr Grünflächen oder praktischere Wege für Fußgänger können einen spürbaren Unterschied machen.
Auch kleine Veränderungen helfen
Selbst in Gegenden, die nicht besonders fußgängerfreundlich sind, gibt es Möglichkeiten, mehr Bewegung in den Alltag einzubauen. Wer das Auto etwas weiter vom Ziel entfernt abstellt, die Treppe nimmt, in der Mittagspause spazieren geht oder sich mit Freunden zum Gehen verabredet, kann seine Aktivität erhöhen.
Auch eine etwas längere Runde mit dem Hund oder der Besuch eines nahe gelegenen Geschäfts zu Fuß sind einfache Möglichkeiten, mehr Bewegung zu integrieren.
Es geht nicht darum, jeden Weg unnötig zu verlängern. Vielmehr sollte Bewegung dort das Sitzen ersetzen, wo dies ohne großen zusätzlichen Aufwand möglich ist.
Gesundheit beginnt auch bei der Umgebung
Die Forschung zeigt vor allem, dass gesundes Verhalten nicht isoliert entsteht. Persönliche Entscheidungen sind wichtig, doch Straßen, öffentliche Räume und lokale Angebote können diese Entscheidungen erleichtern oder unnötig erschweren.
Kings Arbeit deutet darauf hin, dass besser begehbare Gemeinden Menschen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Ausgangsniveaus körperlicher Aktivität dabei unterstützen können, sich mehr zu bewegen.
Manchmal besteht der einfachste Weg zu gesünderen Gewohnheiten nicht darin, Menschen zu mehr Anstrengung aufzufordern. Es geht darum, Orte so zu gestalten, dass Bewegung ganz selbstverständlich zum Alltag gehört.