Wandern statt Massen
Andrea
Andrea
| 03-09-2026
Reiseteam · Reiseteam
Ein Urlaub zu Fuß könnte diesen Herbst eine der schönsten Möglichkeiten sein, Europas beliebte Reiseziele neu zu entdecken.
Gleichzeitig verteilt sich der Tourismus stärker auf kleinere Orte und weniger bekannte Wege.
In Großbritannien stiegen die Google-Suchen nach „walking holiday“ innerhalb eines Jahres um 60 Prozent – ein Zeichen dafür, dass immer mehr Reisende langsamere und intensivere Reiseformen suchen.

Kann Wandern Overtourism bremsen?

Das Problem ist nicht nur die Zahl der Besucher, sondern ihre Konzentration. Das erklärt Annie Antonatou, Spezialistin für Wanderreisen und in Griechenland ansässig. Sie organisiert unter anderem Touren auf Santorin, einem der meistbesuchten Kreuzfahrtziele Griechenlands außerhalb Athens.
Wandern statt Massen
Wanderer verteilen sich eher auf Dörfer, Wanderwege und weniger bekannte Inseln, anstatt sich zu Stoßzeiten an denselben Aussichtspunkten zu sammeln. Dadurch verbringen sie mehr Zeit abseits der bekannten Hotspots und geben ihr Geld häufiger bei lokalen Unternehmen aus – etwa in Unterkünften, Bäckereien, Tavernen oder bei Fährgesellschaften.
Auch Veriano Verde, ein lokaler Guide von Exodus Adventure Travels, sieht darin einen Vorteil. Der gebürtige Bewohner der Region um Amalfi führt Wanderungen an der italienischen Amalfiküste, die zuletzt wegen überfüllter Straßen und Fährverbindungen für Schlagzeilen sorgte.
Für Verde bietet Wandern einen Ausgleich: die lokale Wirtschaft profitiert, während Reisende einen intensiveren Eindruck vom eigentlichen Leben in den Dörfern bekommen. In manchen Orten liegen Häuser noch heute 300 bis 400 Stufen von der Hauptstraße entfernt, und viele Menschen bewegen sich dort weitgehend zu Fuß.

Amalfiküste: Italien

Eine der Lieblingsrouten von Verde ist der berühmte Sentiero degli Dei, der „Pfad der Götter“. Der Weg bietet spektakuläre Ausblicke zwischen Meer und Bergen und führt gleichzeitig durch Landschaften, in denen traditionelle Lebensweisen noch sichtbar sind.
Unterwegs können Wanderer beispielsweise Schäfer treffen oder einen traditionellen Betrieb für Büffelmozzarella im nahe gelegenen Bergort Agerola besuchen.
Auch Amalfi selbst lässt sich zu Fuß anders erleben. Statt sich nur auf der Piazza del Duomo aufzuhalten, empfiehlt Verde, die Umgebung zu erkunden und anschließend dem Weg in das benachbarte Atrani zu folgen.
Beste Reisezeit: verde empfiehlt Frühling und Herbst, insbesondere April bis Juni sowie September und Oktober. Sein persönlicher Geheimtipp ist jedoch der Winter, wenn die Küste deutlich ruhiger sein kann.
Eine einwöchige geführte Wanderreise von Exodus Travels an der Amalfiküste kostet ab 1.469 Pfund beziehungsweise rund 1.715 Euro pro Person, ohne Flüge.

Santorin und die Kykladen: Griechenland

Annie Antonatou empfiehlt, Santorins berühmte Caldera mit Wanderungen auf ruhigeren Nachbarinseln wie Naxos, Sifnos, Milos, Andros oder Tinos zu verbinden.
Dabei geht es nicht nur um Landschaften. Wanderer begegnen Einheimischen, entdecken typische Pflanzen und traditionelle Landwirtschaft, übernachten in familiengeführten Unterkünften und essen in Tavernen mit regionalen Produkten.
Die Caldera-Route von Fira nach Oia zählt für Antonatou zu den beeindruckendsten Küstenwanderungen. Einer ihrer Favoriten ist jedoch der Weg zum Mount Zas auf Naxos, dem höchsten Berg der Kykladen. Dort verbinden sich griechische Mythologie, Berglandschaft und weite Blicke über die Ägäis.
Beste Reisezeit: besonders geeignet sind Ende März bis Anfang Juni sowie September bis November. Im Frühling zeigt sich die Landschaft besonders grün und blütenreich, während das Meer im Herbst noch warm genug zum Schwimmen sein kann.
Eine einwöchige, selbstgeführte Wanderreise auf Santorin und Naxos wird von No Footprint organisiert und kostet über Responsible Travel ab 550 Pfund beziehungsweise etwa 642 Euro pro Person, ohne Flüge.

Amalfi Coast

Algarve: Portugal

Die Algarve wird häufig mit Ferienanlagen und stark befahrenen Straßen verbunden. Wanderreisen zeigen jedoch eine deutlich ruhigere Seite der Region.
Ricardo Estêvão von Vincentina Travel hebt besonders die Südwestküste und den Fishermen’s Trail hervor. Die 78 Kilometer lange Route führt von Porto Covo nach Odeceixe und gehört zur Rota Vicentina, einem rund 450 Kilometer langen Netz von Wanderwegen.
Entlang der Strecke liegen einige der ruhigsten und eindrucksvollsten Strände Portugals. Ein besonderer Aussichtspunkt ist Cabo Sardão, wo Weißstörche auf Meeresklippen nisten.
Für Estêvão sind allerdings nicht nur die Landschaften entscheidend. Gespräche mit Fischern, Begegnungen mit Cafébesitzern und frisch gegrillter Fisch in familiengeführten Restaurants gehören für viele Reisende zu den schönsten Erinnerungen.
Beste Reisezeit: estêvão empfiehlt März bis Juni oder September bis November. In den Sommermonaten veranstaltet sein Unternehmen keine Wanderreisen, um die Besucherströme außerhalb der Hochsaison zu halten.
Eine einwöchige selbstgeführte Tour auf dem Fishermen’s Trail kostet bei Vincentina Travel ab 420 Pfund beziehungsweise rund 490 Euro pro Person, ohne Flüge.
Wandern statt Massen

Dalmatinische Küste: Kroatien

Auch Kroatiens dalmatinische Küste lässt sich abseits der bekannten Touristenströme zu Fuß entdecken. Ein lohnendes Ziel ist die Halbinsel Pelješac mit der mittelalterlichen Stadt Ston und den umliegenden Weinbergen.
Von dort bietet sich außerdem ein Ausflug zur Insel Mljet an, die als Nationalpark geschützt ist und mit der Fähre erreicht werden kann.
Auf Mljet führen Wanderwege zunächst durch die Umgebung der Salzwasserseen Veliko Jezero und Malo Jezero. Anschließend geht es durch schattige Kiefernwälder mit Möglichkeiten zum Baden. Eine moderate Steigung führt schließlich zum Gipfel des Montokuc, von dem sich weite Ausblicke über die Adria eröffnen.

Langsamer reisen, intensiver erleben

Wanderreisen bieten eine Möglichkeit, Europas bekannte Reiseziele anders zu erleben. Statt sich auf wenige überfüllte Sehenswürdigkeiten zu konzentrieren, führen sie Reisende durch Dörfer, Naturgebiete und weniger bekannte Regionen.
Der Vorteil liegt nicht nur in der Ruhe, sondern auch im direkten Kontakt mit den Menschen und kleinen Unternehmen vor Ort. Gerade deshalb kann Wandern eine interessante Alternative zum klassischen Kurztrip sein – und gleichzeitig dazu beitragen, den Besucherstrom besser über beliebte Reiseziele zu verteilen.