Menschennähe

· Tier-Team
Seit Tausenden von Jahren verändert der Mensch natürliche Landschaften. Städte, Landwirtschaft, Straßen und Siedlungen zwingen Wildtiere dazu, sich an eine Umwelt anzupassen, die zunehmend von uns geprägt wird.
Neue Forschungsergebnisse legen jedoch nahe, dass dies nur ein Teil der Geschichte ist.
Tiere könnten ihr Verhalten auch allein deshalb verändern, weil Menschen körperlich in ihrer Nähe sind – selbst wenn sich die umliegende Landschaft dadurch überhaupt nicht verändert hat.
Eine groß angelegte Studie, die GPS-Daten zur Bewegung von Tieren mit anonymisierten Standortdaten von Mobiltelefonen kombinierte, zeigt, dass Wildtiere je nach Art und Lebensraum sehr unterschiedlich auf Menschen reagieren.
Die zentrale Erkenntnis: tiere reagieren nicht nur darauf, was Menschen bauen, sondern auch darauf, wo Menschen tatsächlich sind.
Ein seltenes Naturexperiment
Die COVID-19-Pandemie bot Wissenschaftlern eine ungewöhnliche Gelegenheit.
Die Lockdowns veränderten drastisch, wohin Menschen reisten, wie häufig sie unterwegs waren und welche Orte sie besuchten. Forscher verglichen die Bewegungsmuster von Wildtieren in entsprechenden Zeiträumen der Jahre 2019 und 2020. Dafür nutzten sie GPS-Daten von 4.581 einzelnen Säugetieren und Vögeln aus 37 Arten in den kontinentalen USA.
Die Tiere zu verfolgen, war vergleichsweise einfach. Schwieriger war es, die Bewegungen der Menschen zu erfassen. In den meisten Studien zum Einfluss des Menschen auf Wildtiere wird dieser Druck indirekt gemessen – etwa anhand von Straßen, Landwirtschaft, Gebäuden oder Bevölkerungsdichte.
Solche Daten zeigen zwar, wie stark Landschaften verändert wurden, aber nicht, wo sich Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich bewegen. Um dieses Problem zu lösen, nutzte das Forschungsteam anonymisierte Geolokalisierungsdaten von Mobiltelefonen mit Informationen auf Nachbarschaftsebene.
Dadurch konnten die Forscher dauerhafte Veränderungen der Landschaft von der unmittelbaren Anwesenheit von Menschen unterscheiden.
Menschliche Anwesenheit verändert das Verhalten
Die Studie untersuchte sowohl die von den Tieren genutzten Gebiete als auch ihre ökologische Nische – also die Arten von Lebensräumen und Ressourcen, die sie nutzten.
Bei den meisten Arten ließ sich das beobachtete Verhalten nicht allein durch Veränderungen der Landschaft erklären. Auch die Anwesenheit von Menschen spielte eine Rolle. Rund 57 % der untersuchten Arten wurden von beiden Faktoren beeinflusst.
Menschliche Aktivitäten standen bei etwa zwei Dritteln sowohl der Säugetier- als auch der Vogelarten mit Veränderungen bei der Raumnutzung oder der ökologischen Nische in Zusammenhang.
Das bedeutet, dass Naturschützer wichtige Belastungen übersehen könnten, wenn sie nur Straßen, Landwirtschaft und Stadtentwicklung messen und dabei ignorieren, wie viele Menschen tatsächlich vor Ort sind.
Naturnahe Gebiete können empfindlicher sein
Eines der interessantesten Muster zeigte sich in weniger stark erschlossenen Landschaften.
In Gebieten wie Nationalparks reagierten Tiere häufig empfindlicher auf die Anwesenheit von Menschen als in stark veränderten städtischen Umgebungen. Etwa zwei Drittel der Säugetierarten und rund 41 % der Vogelarten reduzierten die von ihnen genutzte Habitatfläche, wenn menschliche Anwesenheit und Landschaftsveränderungen gemeinsam auftraten.
Das deutet darauf hin, dass Tiere in vergleichsweise natürlichen Lebensräumen bereits auf vorübergehend mehr Besucher stark reagieren können.
Jede Art reagiert anders
Eine einheitliche Reaktion gab es bei den Wildtieren nicht. Wölfe beispielsweise erweiterten ihre Raumnutzung, wenn Menschen anwesend waren.
Die Forscher vermuten, dass dies mit ihrer langen Geschichte der Konflikte mit Menschen zusammenhängen könnte. Die Tiere könnten sich weiter verteilen oder größere Distanzen zurücklegen, um menschlichen Aktivitäten auszuweichen.
Weißwedelhirsche reagierten anders. Ihre ökologische Nische wurde in stärker veränderten Landschaften größer, verkleinerte sich jedoch, wenn die Anwesenheit von Menschen zunahm. Kanadakraniche zeigten nahezu das entgegengesetzte Muster.
Diese unterschiedlichen Reaktionen zeigen, warum das Wildtiermanagement nicht auf einer einzigen universellen Strategie beruhen kann.
Jede Art hat eigene Bedürfnisse, Toleranzgrenzen und Verhaltensmuster.
Was wir aus der „Anthropause“ lernen
Die Studie ist Teil einer größeren internationalen Forschungsinitiative, die das Verhalten von Wildtieren während der Pandemie untersucht – einer Zeit, die teilweise als „Anthropause“ bezeichnet wird. An diesem Projekt waren Hunderte Forscher beteiligt. Zusammengetragen wurden rund eine Milliarde Standortdaten von etwa 13.000 Tieren.
Frühere Untersuchungen haben bereits deutliche Veränderungen bei den Bewegungsmustern von Säugetieren und beim Schiffsverkehr während der Lockdowns gezeigt.
Die aktuellen Ergebnisse liefern nun einen weiteren wichtigen Baustein: direkte Messungen menschlicher Bewegungen können dabei helfen, das Verhalten von Wildtieren besser zu verstehen.
Stress oder Anpassung?
Eine wichtige Frage bleibt allerdings offen. Wenn ein Tier seine Bewegungsrouten oder die von ihm genutzten Lebensräume verändert, weil sich Menschen in der Nähe befinden – hilft ihm diese Anpassung beim Überleben oder ist sie ein Zeichen von Stress?
Forscher untersuchen derzeit, ob Tiere, die ihr Verhalten als Reaktion auf menschlichen Druck verändern, einem höheren oder niedrigeren Sterberisiko ausgesetzt sind.
Diese Unterscheidung könnte entscheidend sein. Eine Verhaltensänderung kann wie eine erfolgreiche Anpassung aussehen, obwohl sie die Tiere möglicherweise in schlechtere Lebensräume zwingt oder einen höheren Energieaufwand verursacht.
Bessere Entscheidungen für den Naturschutz
Die Forschung deutet darauf hin, dass künftige Naturschutzkonzepte präziser werden könnten, wenn Informationen über Infrastruktur mit aktuellen Mustern menschlicher Aktivitäten kombiniert werden.
Statt lediglich ein gesamtes Gebiet unter Schutz zu stellen, könnten Verantwortliche auch berücksichtigen, wann und wo Tiere besonders viel Abstand zu Menschen benötigen.
Die übergeordnete Erkenntnis lautet: koexistenz hängt möglicherweise nicht nur davon ab, Lebensräume zu schützen, sondern auch davon, zu verstehen, wann unsere körperliche Anwesenheit zu einer Störung wird.
Wenn sowohl Landschaften als auch menschliche Bewegungen berücksichtigt werden, könnten Naturschutzmaßnahmen Wildtieren genau dann den nötigen Raum geben, wenn sie ihn am dringendsten brauchen.