Weniger ist mehr

· Lifestyle-Team
Das moderne Leben bringt uns ständig dazu, noch etwas hinzuzufügen: ein weiteres Ziel, eine neue Gewohnheit, ein zusätzliches Projekt, noch eine Aktivität für die Kinder oder eine weitere App, die uns produktiver machen soll.
Anfangs kann das motivierend wirken. Doch jeder Terminkalender hat eine Grenze, ab der Produktivität in Erschöpfung umschlägt.
Immer mehr Ansätze zur Verhaltensänderung zeigen, dass ein besseres Leben nicht zwangsläufig bedeutet, mehr zu tun. Manchmal ist die hilfreichere Frage, was wir weglassen können.
Weniger unnötige Verpflichtungen können mehr Zeit schaffen, Stress reduzieren und den Alltag spürbar leichter machen.
Das Problem mit den endlosen Möglichkeiten
Das moderne Leben bietet uns eine unglaubliche Auswahl. Freie Zeit lässt sich mit Filmen, Podcasts, Musik, Spielen, Nachrichten, sozialen Medien, Sport, Onlinekursen oder Sprachlern-Apps füllen. Auch viele alltägliche Aufgaben im Haushalt lassen sich dank Technologie schneller erledigen.
Trotzdem haben viele Menschen nicht das Gefühl, mehr Zeit zu haben. Stattdessen fühlen sie sich ständig gehetzt.
Ein Grund dafür ist, dass jede neue Möglichkeit wiederum neue Optionen schafft. Wenn es Hunderte Möglichkeiten gibt, eine Stunde zu verbringen, kann die Entscheidung für eine davon schnell das unangenehme Gefühl auslösen, gleichzeitig Dutzende andere zu verpassen.
So kann selbst die Freizeit irgendwann wie eine weitere Ressource wirken, die optimiert werden muss.
Warum wir ständig etwas hinzufügen
Produktivität wird häufig mit Erfolg, Disziplin und Ehrgeiz verbunden.
Genau deshalb fällt es uns psychologisch schwer, Dinge wegzulassen. Der Wirtschaftswissenschaftler Leidy Klotz, der untersucht hat, warum Menschen Probleme eher durch Hinzufügen als durch Wegnehmen lösen, argumentiert, dass wir die Möglichkeit der Reduktion häufig übersehen.
Die Grundidee ist simpel: statt automatisch zu fragen, was wir noch hinzufügen können, um eine Situation zu verbessern, lohnt es sich manchmal zu überlegen, was wir streichen könnten.
Das Ziel ist nicht, weniger ehrgeizig zu werden, sondern aufzuhören, „mehr“ als Standardlösung für jedes Problem zu betrachten.
Das gilt für den persönlichen Alltag genauso wie für Unternehmen, Schulen und andere Organisationen. Ein komplizierter Prozess braucht vielleicht kein zusätzliches Formular, kein weiteres Meeting und keine zusätzliche Genehmigungsstufe. Möglicherweise funktioniert er besser, wenn einfach ein unnötiger Schritt wegfällt.
Vereinfachen heißt nicht, allem zu entkommen
Ein einfacheres Leben wird oft auf extreme Weise dargestellt. Man stellt sich vielleicht vor, fast seinen gesamten Besitz zu verkaufen, in ein Tiny House zu ziehen oder die Karriere komplett aufzugeben.
Für manche Menschen können solche Veränderungen funktionieren, notwendig sind sie jedoch nicht. Forschungen zur Verhaltensänderung zeigen generell, dass sich radikale Veränderungen nur schwer dauerhaft aufrechterhalten lassen.
Sehr strenge Diäten, intensive Trainingspläne und komplette Lifestyle-Umstellungen scheitern häufig daran, dass der dafür notwendige Aufwand zu groß ist.
Realistischer ist es, kleinere Dinge zu reduzieren, die auch dann funktionieren, wenn die erste Motivationswelle längst vorbei ist.
Mit einer kleinen Veränderung beginnen
Weniger kann bereits mit ganz einfachen Fragen beginnen.
- Gibt es eine wöchentliche Verpflichtung, die dir inzwischen keinen Spaß mehr macht?
- Könnte eine Aufgabe im Haushalt seltener erledigt werden?
- Muss wirklich jedes Meeting stattfinden?
- Könnte ein Teil eines Projekts abgegeben werden?
Würde es einem Kind vielleicht guttun, eine Freizeitaktivität weniger zu haben und stattdessen einen freien Nachmittag ohne festen Plan zu genießen?
Schon eine kleine Reduzierung kann einen Unterschied machen. Wer beispielsweise nur 15 Minuten am Tag einspart, kann dadurch morgens weniger unter Zeitdruck stehen oder Raum für einen Spaziergang, ein Gespräch oder eine ruhige Pause schaffen.
Kleine Veränderungen sind wertvoll, weil sie Freiraum schaffen, ohne dass das gesamte Leben neu organisiert werden muss.
Der Wert von Zeit
Psychologen verwenden gelegentlich den Begriff „Time Affluence“, um das Gefühl zu beschreiben, genügend Zeit für die Dinge zu haben, die einem wichtig sind. Dieses Gefühl wird mit größerem Glücksempfinden und mehr Wohlbefinden in Verbindung gebracht.
Entscheidend ist dabei nicht unbedingt, über große Mengen an Freizeit zu verfügen. Man kann mehrere freie Stunden haben und sich trotzdem mental völlig überlastet fühlen.
Bei „Time Affluence“ geht es zum Teil um Kontrolle: um das Gefühl, dass nicht jede Minute bereits durch Verpflichtungen verplant ist.
Eine einzige unnötige Aufgabe zu streichen, kann deshalb psychologisch einen größeren Effekt haben, als ihre tatsächliche Dauer vermuten lässt.
Weniger kann mehr schaffen
Weniger zu tun kann sich zunächst ungewohnt anfühlen. Wer seinen Fortschritt daran misst, wie viel er produziert oder erledigt, könnte einen leereren Kalender schnell mit Faulheit oder einer verpassten Chance gleichsetzen.
Das Leben zu vereinfachen bedeutet jedoch nicht, Verantwortung aufzugeben. Es bedeutet, zu prüfen, welche Verpflichtungen, Routinen und Erwartungen tatsächlich sinnvoll sind.
Klotz' Ansatz ermutigt dazu, Gewohnheiten zu hinterfragen, die nur deshalb bestehen bleiben, weil sie schon immer da waren.
Die vielleicht sinnvollste Form von Produktivität besteht manchmal darin, zu entscheiden, was deine Zeit nicht länger verdient.
Ein weniger vollgepackter Alltag kann mehr Raum für Konzentration, Erholung und die Dinge schaffen, die wirklich wichtig sind.
Statt jede neue Saison mit einer weiteren Liste von Zielen zu beginnen, lohnt sich vielleicht zuerst ein Blick auf die bestehende Liste.
Eine Verpflichtung zu streichen, eine Routine zu vereinfachen oder zu einer unnötigen Aufgabe Nein zu sagen, mag auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend wirken.
Aber manchmal ist genau dieses Weglassen das, was unser Leben wieder voller erscheinen lässt.