KI als Seelentröster

· Wissenschaftsteam
Künstliche Intelligenz wird für junge Menschen in den USA zunehmend zu einer vertrauten Anlaufstelle für Fragen rund um die psychische und mentale Gesundheit.
Eine neue landesweite Studie zeigt, dass fast einer von fünf Menschen im Alter von 12 bis 21 Jahren bereits einen KI-Chatbot um Rat zur mentalen Gesundheit gebeten hat – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr.
Die Ergebnisse zeigen, dass KI bereits Teil der Art und Weise ist, wie junge Menschen Unterstützung suchen. Für die Forscher stellt sich daher nicht mehr in erster Linie die Frage, ob dies geschieht, sondern ob die Ratschläge, die junge Menschen erhalten, richtig, angemessen und sicher sind.
Die Nutzung nimmt rasant zu
Die in JAMA Pediatrics veröffentlichte Studie basiert auf einer landesweit repräsentativen Befragung junger Menschen in den USA. Von 1.727 kontaktierten Personen nahmen 1.009 an der Befragung teil. Die Ergebnisse wurden gewichtet, um mehr als 42 Millionen Menschen im Alter von 12 bis 21 Jahren abzubilden.
Fast 20 % gaben an, KI-Chatbots für Fragen zur mentalen Gesundheit zu nutzen. Frühere Untersuchungen hatten den Anteil noch auf etwa ein Achtel geschätzt – ein Hinweis darauf, wie schnell sich dieses Verhalten verbreitet.
Ältere Teilnehmer nutzten KI häufiger für Fragen zur mentalen Gesundheit. Auch junge Frauen griffen häufiger darauf zurück. Zwischen städtischen und ländlicheren Regionen stellten die Forscher dagegen keinen signifikanten Unterschied fest.
Die meisten erzählen niemandem davon
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie betrifft die Frage, ob andere von der KI-Nutzung wissen.
Die meisten jungen Menschen, die KI um Rat zur mentalen Gesundheit baten, hatten weder ihren Eltern noch einem Arzt, Therapeuten oder einer anderen Vertrauensperson davon erzählt. Das ist relevant, weil viele allgemeine Chatbots ursprünglich nicht dafür entwickelt wurden, professionelle psychische Gesundheitsversorgung zu leisten.
Hao Yu, außerordentlicher Professor für Bevölkerungsmedizin an der Harvard Medical School und einer der Autoren der Studie, erklärte, dass dieser Mangel an Offenheit Eltern und medizinisches Fachpersonal dazu bewegen sollte, junge Menschen direkt nach ihrer KI-Nutzung zu fragen, statt darauf zu warten, dass sie das Thema von sich aus ansprechen. Vertrauenspersonen könnten außerdem dabei helfen, verlässliche Informationen von irreführenden oder unangemessenen Ratschlägen zu unterscheiden.
Warum KI so attraktiv ist
Die Gründe dafür sind leicht nachzuvollziehen. Chatbots sind rund um die Uhr verfügbar, benötigen keinen Termin und antworten sofort.
Diese unkomplizierte Verfügbarkeit ist besonders wichtig angesichts des Mangels an Fachkräften im Bereich der psychischen Gesundheit – darunter Spezialisten, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. KI kann daher wie eine Lösung für eine Versorgungslücke wirken, wenn professionelle Hilfe nur schwer erreichbar ist.
Außerdem kann es weniger einschüchternd sein, eine private Frage in einen Chatbot einzugeben, als ein Gespräch mit einem anderen Menschen zu beginnen.
Doch leichte Zugänglichkeit bedeutet nicht automatisch, dass die Informationen medizinisch zuverlässig sind.
Nützlich heißt nicht immer sicher
Mehr als 90 % der jungen Nutzer in der Befragung gaben an, die erhaltenen KI-Ratschläge als hilfreich zu empfinden. Die Forscher warnen jedoch davor, subjektive Nützlichkeit mit nachgewiesener Wirksamkeit gleichzusetzen.
Ein Chatbot kann beruhigend und selbstsicher klingen, obwohl seine Antwort unvollständig oder unangemessen ist. Viele KI-Systeme sind zudem darauf ausgelegt, ansprechende und zustimmende Gespräche zu führen.
Das kann problematisch werden, wenn ein Nutzer statt einfacher Beruhigung eine kritische Einschätzung, weitere Hilfe oder professionelle Beurteilung benötigt.
Yu betonte, dass noch deutlich bessere Daten zur Sicherheit und klinischen Wirksamkeit von KI-generierten Ratschlägen zur mentalen Gesundheit erforderlich seien. Entscheidend müsse sein, ob solche Systeme angemessene medizinische Standards erfüllen – und nicht lediglich, ob Nutzer gerne mit ihnen interagieren.
KI kann professionelle Hilfe nicht ersetzen
Die Ergebnisse zeigen nicht, dass KI-Chatbots mit Therapie, Diagnosen oder Behandlungen gleichzusetzen sind.
Allgemeine KI-Systeme können zwar grundlegende Informationen liefern, dabei helfen, Gedanken zu ordnen, oder Nutzer dazu ermutigen, Unterstützung zu suchen. Sie können jedoch wichtige Zusammenhänge übersehen, Risiken falsch einschätzen oder ungenaue Informationen liefern.
Besonders problematisch kann dies bei Gesprächen über schwere psychische Belastungen, Selbstverletzung oder andere akute psychische Krisen werden. Die Forscher fordern deshalb stärkere Schutzmechanismen, unabhängige Tests und klarere Standards, während die Nutzung weiter zunimmt.
Wie geht es weiter?
Das Forschungsteam geht davon aus, dass die Nutzung von KI für Fragen zur mentalen Gesundheit weiter zunehmen wird, und plant weitere Befragungen.
Damit wird eine angemessene Kontrolle immer wichtiger. Statt ein Verhalten zu ignorieren oder zu verbieten, das bereits weit verbreitet ist, konzentrieren sich Experten darauf, Sicherheit, Transparenz und Kommunikation zu verbessern.
KI könnte eines Tages den Zugang zu Unterstützung bei psychischen Problemen erweitern – besonders dort, wo Fachkräfte fehlen.
Vorerst lautet die wichtigste Botschaft der Forscher jedoch: junge Menschen sollten mit KI-generierten Ratschlägen zur mentalen Gesundheit nicht allein gelassen werden, und digitale Bequemlichkeit darf niemals mit professionell geprüfter medizinischer Hilfe verwechselt werden.