Lücken im Wasser

· Tier-Team
Die Verfolgung von Tieren in Flüssen, Seen und Ozeanen hat die Art und Weise verändert, wie Wissenschaftler Migration, Nahrungsgebiete und die Nutzung von Lebensräumen verstehen.
Doch eine neue globale Studie zeigt, dass diese Forschung keineswegs gleichmäßig verteilt ist.
Forscher analysierten 2.728 Studien zur aquatischen Telemetrie und stellten fest, dass die meisten Untersuchungen in Ländern mit hoher Naturschutzförderung und vergleichsweise stabilen Bedingungen durchgeführt wurden.
Gleichzeitig sind mehrere Regionen, die für die Artenvielfalt und das Fischereimanagement besonders wichtig sind, noch immer deutlich zu wenig erforscht.
Forschung konzentriert sich auf wenige Länder
Bei der Telemetrie werden Tiere mit Sendern ausgestattet, um ihre Bewegungen mithilfe akustischer Signale oder Satelliten zu verfolgen.
Die Wissenschaftler werteten vier Jahrzehnte veröffentlichter Forschung aus und verglichen die Standorte der Studien mit Faktoren wie Naturschutzförderung, Bevölkerungszahl und Sprache. Das Ungleichgewicht war deutlich.
Rund 95 % der Studien wurden in Ländern mit hoher Naturschutzförderung durchgeführt, während 87 % in Ländern stattfanden, die in der entsprechenden Rangliste erfasst waren.
Mehr als die Hälfte aller untersuchten Studien stammte allein aus drei Ländern: den USA, Kanada und Australien.
Biodiversitäts-Hotspots werden übersehen
Das Problem besteht nicht einfach darin, dass einige Länder mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten als andere. Mehrere Regionen, die nur unzureichend erforscht sind, verfügen über außergewöhnlich artenreiche aquatische Ökosysteme und stehen gleichzeitig durch Fischerei, Lebensraumverlust und andere menschliche Aktivitäten zunehmend unter Druck.
Die Forscher identifizierten große Forschungslücken rund um die Baja-Halbinsel und den Golf von Kalifornien, im Nordwesten und Südosten Afrikas, im Roten Meer sowie in Teilen des Indopazifiks.
Besonders auffällig ist der Indopazifik. Trotz seiner außergewöhnlichen biologischen Vielfalt entfielen auf diese Region weniger als 1 % der in die Analyse einbezogenen Telemetriestudien.
Dadurch wissen Wissenschaftler nur wenig darüber, wie viele Arten diese Gewässer nutzen, wo sie sich fortpflanzen und welche Lebensräume für ihr Überleben unverzichtbar sind.
Warum wohlhabendere Länder dominieren
Für dieses Ungleichgewicht gibt es praktische Gründe. Die langfristige Verfolgung von Tieren kann teuer und organisatorisch anspruchsvoll sein.
Forscher benötigen spezielle Ausrüstung, Genehmigungen, eine zuverlässige Infrastruktur und ausreichend finanzielle Mittel, um über mehrere Jahre hinweg immer wieder in dieselben Untersuchungsgebiete zurückzukehren.
Feldteams brauchen einen sicheren Zugang zu den Gebieten und die Gewissheit, dass ihre Forschung nicht plötzlich unterbrochen wird. Wissenschaftler, die in ihrem eigenen Land arbeiten, können zudem leichter Genehmigungen erhalten, Ausrüstung transportieren und langfristige Überwachungsnetzwerke aufrechterhalten.
Das Ergebnis ist jedoch ein wissenschaftlicher blinder Fleck: die Orte, an denen Forschung am einfachsten durchzuführen ist, sind nicht unbedingt jene, an denen neue Erkenntnisse am dringendsten benötigt werden.
Warum Daten zu Tierbewegungen wichtig sind
Aquatische Tiere halten sich nicht an nationale Grenzen.
Wandernde Fische, Haie, Meeressäuger und andere Arten können zwischen mehreren Ländern unterwegs sein oder riesige Gebiete des offenen Wassers durchqueren.
Ohne zuverlässige Daten zu ihren Bewegungen können Schutzmaßnahmen einen Lebensraum sichern, während ein anderer Lebensraum derselben Art unberücksichtigt bleibt – etwa ein Gebiet, das sie zur Nahrungssuche, Fortpflanzung oder Wanderung benötigt.
Wissenslücken können auch das Fischereimanagement erschweren. Wenn Wissenschaftler nicht wissen, wie sich Populationen zwischen geschützten und stark befischten Gebieten bewegen, wird es schwieriger, wirksame Maßnahmen zu entwickeln.
Lokale Partnerschaften könnten helfen
Die Forscher betonen, dass die Lösung nicht einfach darin besteht, dass finanzstarke Institutionen mehr Projekte im Ausland durchführen. Nachhaltiger wäre ein stärkerer Austausch mit lokalen Wissenschaftlern, Universitäten und Naturschutzorganisationen in bislang unterrepräsentierten Regionen.
Dazu könnten gemeinsam genutzte Tracking-Ausrüstung, technische Schulungen und Forschungsinfrastruktur gehören – wobei lokale Experten eine zentrale Rolle bei der Planung und Durchführung der Projekte übernehmen.
Solche Partnerschaften können dazu beitragen, langfristige Forschungsprojekte besser aufrechtzuerhalten und wissenschaftliche Kapazitäten vor Ort aufzubauen, die auch nach dem Ende eines einzelnen Projekts bestehen bleiben.
Eine globale Karte mit großen Lücken
Die Verfolgung von Tieren ist zu einem der wichtigsten Instrumente für das Verständnis aquatischer Wildtiere geworden. Doch die weltweite Verteilung dieser Forschung zeigt noch immer, wo wissenschaftliche Projekte am einfachsten finanziert und organisiert werden können.
Dadurch besteht die Gefahr, dass Naturschutzentscheidungen auf detaillierten Informationen aus nur wenigen Ländern beruhen, während einige der artenreichsten Ökosysteme unseres Planeten weiterhin nur unzureichend dokumentiert sind.
Der nächste Schritt besteht daher nicht einfach darin, mehr Tiere zu verfolgen, sondern die Forschung gezielt dorthin zu lenken, wo fehlendes Wissen am dringendsten benötigt wird.