Berge im Wandel
Niko
Niko
| 21-08-2026
Naturteam · Naturteam
Europas Hochgebirge gelten oft als besonders geeignete Orte, um den Klimawandel zu beobachten.
Die Temperaturen steigen, die Schneeverhältnisse verändern sich und Pflanzenarten, die wärmere Lebensräume bevorzugen, breiten sich in höhere Lagen aus.
Doch neue Forschungsergebnisse zeigen, dass die Entwicklung komplizierter ist als die einfache Gleichung „höhere Temperaturen bedeuten mehr wärmeliebende Pflanzen“.
Eine große internationale Studie mit 724 dauerhaft überwachten Untersuchungsflächen auf 53 Berggipfeln stellte einen weit verbreiteten Wandel hin zu Arten fest, die wärmere Bedingungen bevorzugen.
An den einzelnen Standorten war das Ausmaß der Vegetationsveränderung jedoch nur schwach damit verbunden, wie stark die Temperaturen dort gestiegen waren.

21 Jahre Beobachtung der Bergvegetation

Die Forschenden nutzten Daten des GLORIA-Beobachtungsnetzwerks, das die Vegetation auf Berggipfeln in ganz Europa erfasst. Die Untersuchungsflächen wurden über einen Zeitraum von 21 Jahren wiederholt untersucht. Dadurch erhielten die Wissenschaftler ein ungewöhnlich detailliertes Bild davon, wie sich alpine Pflanzengemeinschaften im Laufe der Zeit verändert haben.
Die Studie umfasste wichtige europäische Gebirgsregionen und verglich die Aufzeichnungen zur Vegetation mit verschiedenen Messgrößen für die Temperaturentwicklung – darunter sowohl großräumige Lufttemperaturen als auch lokale Bedingungen direkt über dem Boden.
Der übergeordnete Trend war eindeutig: auf vielen Gipfeln sind wärmeliebende Arten häufiger geworden. Dieser Prozess wird als Thermophilisierung bezeichnet – also eine Verschiebung der Pflanzengemeinschaften hin zu Arten, die an wärmere Umweltbedingungen angepasst sind.
Berge im Wandel

Wärmere Gipfel, aber unterschiedliche Reaktionen

Auf den ersten Blick scheint die Erklärung offensichtlich.
Die Temperaturen steigen, Arten aus tieferen und wärmeren Höhenlagen wandern nach oben und kälteangepasste alpine Pflanzengemeinschaften verändern sich allmählich.
Dieses Muster zeigt sich tatsächlich, wenn Forschende ganze Gebirgsregionen betrachten. Regionen mit einer stärkeren Erwärmung wiesen im Allgemeinen auch eine stärkere Verschiebung hin zu wärmeliebender Vegetation auf. Betrachtet man jedoch einen einzelnen Gipfel oder eine einzelne Untersuchungsfläche, wird der Zusammenhang deutlich komplizierter.
Manche Standorte veränderten sich erheblich, obwohl die gemessene Erwärmung dort vergleichsweise gering war. Andere verzeichneten einen deutlichen Temperaturanstieg, ohne dass sich ihre Pflanzengemeinschaften ähnlich stark veränderten. Die Temperatur allein kann also nicht erklären, was mit jeder einzelnen Fläche alpiner Vegetation geschieht.

Die Pflanzen in der Umgebung spielen eine wichtige Rolle

Einer der stärksten Einflussfaktoren war überraschend einfach: welche Arten bereits in der näheren Umgebung wachsen.
Ein wärmeres Klima kann einen Gipfel für eine Pflanze aus tieferen Höhenlagen geeignet machen. Doch diese Art muss den neuen Lebensraum zunächst erreichen. Sind wärmeliebende Pflanzen bereits in der Nähe einer Untersuchungsfläche etabliert, haben sie deutlich bessere Chancen, sich auszubreiten, sobald die Bedingungen günstiger werden.
Fehlen solche potenziellen Einwanderer in der umliegenden Landschaft, kann die Vegetation deutlich langsamer reagieren – selbst wenn die Temperaturen steigen.
Anders gesagt: der Klimawandel kann die Tür öffnen, aber die Pflanzen müssen bildlich gesprochen auch nah genug sein, um hindurchzugehen.

Felsen, Böden und Gelände beeinflussen die Entwicklung ebenfalls

Berggipfel sind äußerst unterschiedliche Lebensräume. Eine Untersuchungsfläche kann auf tiefgründigem Boden liegen, eine andere zwischen freiliegenden Felsen und Geröll. Auch Windexposition, Feuchtigkeit, Schneebedeckung, Hanglage und Störungen können sich auf überraschend engem Raum stark unterscheiden.
Die Studie zeigte, dass auch die Beschaffenheit des Untergrunds einen wichtigen Einfluss darauf hat, wie schnell sich Pflanzengemeinschaften verändern.
Eine Art kann theoretisch mit den wärmeren Temperaturen auf einem Gipfel zurechtkommen und sich dort trotzdem nicht etablieren, weil der Boden ungeeignet ist. Das hilft zu erklären, warum benachbarte Standorte trotz ähnlicher klimatischer Veränderungen sehr unterschiedliche Pflanzengemeinschaften entwickeln können.

Warum die Berg-Hauswurz interessant ist

Ein Beispiel ist Sempervivum montanum, die Berg-Hauswurz.
Die Art wächst normalerweise in felsigen alpinen Lebensräumen und ist relativ gut an warme, trockene Bedingungen angepasst. In den vergangenen Jahren registrierten Forschende sie erstmals auf überwachten Gipfeln im Mercantour-Massiv der französischen Alpen.
Ein weiteres Beispiel ist die Bärtige Glockenblume, Campanula barbata, die normalerweise mit subalpinen Graslandschaften in Verbindung gebracht wird. In Teilen der Schweizer Alpen wurde sie zunehmend in höheren Lagen beobachtet.
Diese Neuankömmlinge verdeutlichen die übergeordnete Entwicklung, zeigen aber auch, warum Veränderungen nicht überall gleich schnell voranschreiten.

Bedeutet das, dass die Erwärmung weniger wichtig ist?

Nein.
Die Forschenden betonen, dass der Klimawandel weiterhin der übergeordnete Auslöser der langfristigen Veränderungen ist.
Der scheinbare Widerspruch entsteht durch den unterschiedlichen Maßstab.
Auf einer winzigen Untersuchungsfläche können lokale Faktoren den Ausschlag geben.
Betrachtet man dagegen eine ganze Gebirgskette, wird das Klimasignal deutlich: eine stärkere Erwärmung geht im Allgemeinen mit einer stärkeren Verschiebung hin zu wärmeliebender Vegetation einher.
Beide Beobachtungen können also gleichzeitig richtig sein.
Der Klimawandel verändert die alpine Vegetation in ganz Europa. Wie ein einzelner Gipfel darauf reagiert, hängt jedoch von der jeweiligen Kombination aus vorhandenen Pflanzenarten, Gelände und Umweltbedingungen ab.

Warum Langzeitstudien so wichtig sind

Alpine Ökosysteme verändern sich häufig nur langsam.
Pflanzen brauchen Zeit, um sich auszubreiten, neue Lebensräume zu besiedeln und sich gegen bereits etablierte Arten durchzusetzen. Manche ökologischen Reaktionen können deshalb mehrere Jahre hinter den Temperaturveränderungen zurückbleiben.
Das macht langfristige Beobachtungen besonders wertvoll.
Ein paar ungewöhnlich heiße Sommer reichen nicht aus, um die langfristige Entwicklung eines Ökosystems zu erkennen. Wiederholte Beobachtungen über Jahrzehnte helfen wesentlich besser dabei, kurzfristige Schwankungen von dauerhaften biologischen Veränderungen zu unterscheiden.
Die Forschenden betonen daher, dass eine kontinuierliche und ausgeweitete Beobachtung entscheidend sein wird, um die zukünftige Entwicklung der Artenvielfalt im Gebirge vorherzusagen.
Berge im Wandel

Eine kompliziertere Zukunft für die Berge

Die Studie erinnert daran, dass Ökosysteme nur selten in klaren und einheitlichen Schritten auf den Klimawandel reagieren.
Europas Gipfel werden wärmer, und wärmeliebende Pflanzen werden dort nachweislich häufiger. Doch jeder Berg hat seine eigenen Ausgangsbedingungen, Pflanzen in der näheren Umgebung und natürlichen Barrieren.
Die übergeordnete Entwicklung wird immer deutlicher: die alpine Vegetation verschiebt sich zugunsten von Arten, die an wärmere Klimabedingungen angepasst sind. Viel schwieriger vorherzusagen ist jedoch, wie schnell sich dieser Wandel auf jedem einzelnen Gipfel vollziehen wird – und welche Form er dort genau annehmen wird.