Restwerte unter Druck
Lea
Lea
| 21-08-2026
Fahrzeugteam · Fahrzeugteam

Gebrauchtwagen unter Druck

Der europäische Gebrauchtwagenmarkt steht 2026 weiter vor Herausforderungen.
Eine schwächere Wirtschaft, höhere Inflation, steigende Energiepreise und geopolitische Unsicherheiten belasten die Nachfrage. Gleichzeitig verändert der schnelle technologische Wandel die Autoindustrie.
J.D. Power erwartet deshalb, dass die Restwerte vieler Fahrzeuge bis Jahresende weiter leicht sinken.

Restwerte entwickeln sich unterschiedlich

Wie stark die Preise unter Druck geraten, hängt vom jeweiligen Land und Antrieb ab. Für Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, die Schweiz und Großbritannien wird insgesamt ein Rückgang der Restwerte erwartet.
In den meisten dieser Märkte dürfte die Veränderung bis Ende 2026 bei höchstens 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr liegen. Italien bildet mit einem erwarteten Rückgang von mehr als 5 Prozent die deutliche Ausnahme.
Spanien weist derzeit die höchsten durchschnittlichen Restwerte auf. Im Juni lag der Wert für dreijährige Fahrzeuge bei einer Laufleistung von 60.000 Kilometern bei 54,1 Prozent. Die Schweiz kam im Vergleich auf den niedrigsten Durchschnittswert.

Ältere Fahrzeuge verlieren stärker

Auch das Alter eines Fahrzeugs spielt eine wichtige Rolle. Zwischen Januar und Juni normalisierten sich die Angebotspreise in den fünf größten europäischen Gebrauchtwagenmärkten.
Besonders unter Druck standen sechs bis acht Jahre alte Fahrzeuge. Ihre Preise gingen zuletzt stärker zurück als die von Autos, die höchstens drei Jahre alt sind. Das ist ungewöhnlich, da ältere Gebrauchtwagen normalerweise vergleichsweise stabil ihren Wert halten.
Restwerte unter Druck
J.D. Power führt dies unter anderem auf die eingeschränkte Erschwinglichkeit und die geringe Zahl von Ersatzkäufen zurück. Gleichzeitig waren ältere Fahrzeuge nach der Lieferkrise besonders stark im Preis gestiegen, wodurch nun mehr Spielraum für eine Korrektur besteht.

Elektroautos holen auf

Bei den verschiedenen Antriebsarten zeigt sich ein deutlich differenzierteres Bild. Steigende Ölpreise haben die Nachfrage nach batterieelektrischen Fahrzeugen (BEVs) zuletzt unterstützt, während Dieselmodelle an Interesse verloren.
In Deutschland sank das Durchschnittsalter der angebotenen BEVs bis vier Jahre in den ersten fünf Monaten 2026 deutlich. Im Mai lag es zwei Monate unter dem Wert von Februar. Gleichzeitig benötigten Dieselautos länger, um einen Käufer zu finden.
Auch die Standzeit von gebrauchten Elektroautos bei deutschen Händlern ging zurück. Im Jahresvergleich sank sie um 20 Tage. Seit Mai gehören BEVs damit zu den am schnellsten verkauften Antriebsarten auf dem Gebrauchtwagenmarkt.
Zudem änderten Händler die Preise für jüngere Elektroautos seltener. Die Zahl der Preisanpassungen bei vollelektrischen Modellen bis vier Jahre sank seit Februar um 17 Prozent.

Dieselpreise geben nach

Die Entwicklung zeigt sich auch bei den Gebrauchtwagenpreisen. In Deutschland stiegen die Preise für BEVs zwischen Februar und Juni 2026 um rund 2,9 Prozent.
Bei Dieselfahrzeugen ging der durchschnittliche Preis dagegen um etwa 3,5 Prozent zurück.Auch Frankreich und Italien verzeichneten eine ähnliche Entwicklung. In Italien fiel der Dieselpreis im Juni sogar um 4,1 Prozent.
In Großbritannien sanken die Dieselpreise ebenfalls. Bei Elektroautos wurde die Preisentwicklung dort allerdings durch ein großes Angebot auf dem Gebrauchtwagenmarkt gebremst. Spanien entwickelte sich anders, weil die Regierung einen erheblichen Teil der gestiegenen Dieselkosten abfedert.

Italien besonders unter Druck

Italien erlebt derzeit eine besonders deutliche Korrektur. Der durchschnittliche Restwert sank im Juni gegenüber Januar um 2,8 Prozentpunkte.
Laut J.D. Power waren die Restwerte in Italien nach der Pandemie ungewöhnlich lange hoch. Nun holt der Markt die Entwicklung nach, die in anderen europäischen Ländern bereits früher eingesetzt hat. Bis Ende 2026 wird für Italien ein Rückgang von mehr als 5 Prozent erwartet.

Auch Großbritannien verändert sich

In Großbritannien gingen die Restwerte im Juni 2026 gegenüber Jahresbeginn um 4,0 Prozentpunkte zurück. Als Gründe nennt J.D. Power unter anderem ein Überangebot bestimmter Antriebsarten und den üblichen saisonalen Rückgang vor den Sommermonaten.
Bei Elektroautos ist die Entwicklung besonders interessant. Im Juni lag der durchschnittliche Restwert nach 36 Monaten und 60.000 Kilometern bei 46,8 Prozent. Für BEVs waren es 33,8 Prozent.
In absoluten Zahlen lag der durchschnittliche Restwert des Gesamtmarktes bei 14.533 Pfund, während Elektroautos auf 14.945 Pfund kamen.

Risiko durch mehr gebrauchte E-Autos

Eine wichtige Rolle spielt Großbritanniens sogenannte ZEV-Regelung. Der Anteil emissionsfreier Fahrzeuge soll 2026 bei 33 Prozent liegen, 2027 auf 38 Prozent und 2028 auf 52 Prozent steigen.
J.D. Power warnt davor, dass dadurch in den kommenden Jahren deutlich mehr gebrauchte Elektroautos auf den Markt gelangen könnten.
Wenn die Nachfrage nicht im gleichen Tempo wächst, könnte ein Überangebot die Restwerte zusätzlich belasten.
Gleichzeitig gibt es einen wichtigen Gegenfaktor: gebrauchte Elektroautos sind in Großbritannien derzeit gefragt und gehören häufig zu den am schnellsten verkauften Fahrzeugen. Entscheidend wird daher sein, wie schnell das Angebot wächst und ob die Nachfrage mithalten kann.

Höhere Neuwagenpreise verändern den Markt

Auch die stark gestiegenen Preise für Neuwagen wirken sich auf die Restwerte aus. Zwischen Januar 2021 und Mai 2026 erhöhten sich die durchschnittlichen Listenpreise in Großbritannien um 31,2 Prozent beziehungsweise 7.782 Pfund.
Bei Elektroautos verlief die Entwicklung weniger gleichmäßig, insgesamt stiegen aber auch hier die Neuwagenpreise. Gleichzeitig sank ihr prozentualer Restwert in diesem Zeitraum um 3,8 Prozentpunkte.
Restwerte unter Druck

Längere Finanzierungen verändern das Angebot

Die höheren Fahrzeugpreise und gestiegenen Finanzierungskosten führen außerdem dazu, dass Leasing- und Finanzierungsverträge länger laufen. Statt der früher häufig üblichen drei Jahre sind inzwischen oft vier Jahre vorgesehen.
Sollten die Neuwagenpreise weiter steigen, könnten laut J.D. Power künftig sogar fünfjährige Finanzierungs- oder Leasingverträge häufiger werden. Das würde das Angebot an drei- bis vier Jahre alten Gebrauchtwagen weiter verknappen.
Weniger Fahrzeuge in diesem beliebten Altersbereich könnten die Restwerte jüngerer Gebrauchtwagen stützen. Gleichzeitig könnten ältere Fahrzeuge mit höherer Laufleistung stärker in den Fokus rücken.

Ausblick für 2026

Trotz der unterschiedlichen Entwicklungen bewertet J.D. Power die europäischen Gebrauchtwagenmärkte insgesamt als relativ stabil. Rund 53 Prozent der Teilnehmer einer entsprechenden Umfrage erwarteten, dass sich die Restwerte in den wichtigsten europäischen Märkten stabilisieren. 33 Prozent rechneten mit einem Rückgang, während nur 15 Prozent einen Anstieg erwarteten.
Für die zweite Jahreshälfte wird daher eher eine leichte Korrektur als ein dramatischer Einbruch erwartet.Entscheidend bleiben die Nachfrage, die Entwicklung der Energiepreise, die wirtschaftliche Lage und das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage bei den verschiedenen Antriebsarten.
J.D. Power geht davon aus, dass die Restwerte 2026 nur geringfügig zurückgehen werden.
Für 2027 könnte das Angebot zwar steigen, doch nach aktueller Einschätzung dürfte es nicht stark genug wachsen, um das Gleichgewicht des Marktes erheblich zu verändern.