Unordnung hilft

· Lifestyle-Team
Manchmal sieht produktives Arbeiten von außen alles andere als ordentlich aus. Ein unfertiger Entwurf auf dem Bildschirm oder ein Schreibtisch, auf dem sich Unterlagen stapeln, muss nicht automatisch ein Zeichen für schlechte Organisation sein.
Tatsächlich können bestimmte Formen von Unordnung dabei helfen, länger an Ideen festzuhalten und leichter zu einer unterbrochenen Aufgabe zurückzukehren.
Die Macht unerledigter Aufgaben
- Gewohnheit 1: Aufgaben bewusst unfertig lassen
In den 1920er-Jahren machte die Berliner Psychologin Bluma Zeigarnik eine ungewöhnliche Beobachtung. Kellner in einem Café konnten sich komplizierte, noch nicht bezahlte Bestellungen erstaunlich genau merken. Sobald die Rechnung beglichen war, verschwanden die Details jedoch schnell aus ihrem Gedächtnis.
Diese Beobachtung wurde später zum Ausgangspunkt für die Forschung rund um den sogenannten Zeigarnik-Effekt. Er beschreibt die Tendenz, dass unerledigte Aufgaben gedanklich stärker präsent bleiben als bereits abgeschlossene Tätigkeiten.
Das lässt sich auch auf den Arbeitsalltag übertragen. Ein offener Entwurf, eine teilweise bearbeitete Tabelle oder eine Präsentation, die mitten in einem Gedanken gespeichert wurde, kann dem Gehirn einen Anknüpfungspunkt für die nächste Arbeitssitzung geben;
- Unfertig bedeutet nicht automatisch unproduktiv.
Wer eine Aufgabe nicht jedes Mal vollständig abschließt, muss bei einer späteren Rückkehr nicht von vorne überlegen, wo er aufgehört hat. Die gedankliche Verbindung zum Projekt bleibt leichter erhalten. Eine Studie aus dem Jahr 2025 liefert Hinweise darauf, dass Menschen sich an unerledigte Arbeiten besser erinnern und eher dazu neigen, diese wieder aufzunehmen.
Allerdings gibt es eine wichtige Grenze: Bewusstes Offenlassen ist etwas anderes als ängstliches Aufschieben. Wenn eine unerledigte Aufgabe ständig Stress verursacht, erfüllt sie ihren möglichen produktiven Zweck nicht mehr.
Ein unordentlicher Schreibtisch kann Ideen fördern
- Gewohnheit 2: Nicht ständig für Ordnung sorgen
Ein aufgeräumter Arbeitsplatz gilt häufig als Symbol für einen aufgeräumten Kopf. Doch psychologische Forschung stellt diese Annahme zumindest teilweise infrage.
Die Psychologin Kathleen Vohs und ihre Kollegen fanden in einer viel beachteten Studie aus dem Jahr 2013 heraus, dass Menschen in sichtbar unordentlichen Räumen originellere und weniger konventionelle Ideen entwickelten als Personen in ordentlichen Umgebungen.
Die Erklärung dafür könnte darin liegen, dass eine sehr strukturierte Umgebung eher dazu anregt, Regeln einzuhalten und nach bekannten Mustern zu handeln. Ein weniger geordneter Raum kann dagegen mehr geistigen Spielraum für ungewöhnliche Ansätze schaffen;
- Doch die Forschung ist nicht eindeutig.
Eine Replikationsstudie aus dem Jahr 2019 konnte den ursprünglichen Effekt nicht bestätigen. Deshalb sollte die Aussage nicht als unumstößliche Tatsache verstanden werden. Ordnung kann durchaus Vorteile haben und scheint beispielsweise bei Aufgaben, die hohe Genauigkeit erfordern, besonders hilfreich zu sein.
Beim kreativen Arbeiten kann ein gewisses Maß an Unordnung hingegen hilfreich sein. Statt sich sofort für die erstbeste vernünftige Lösung zu entscheiden, bleibt mehr Raum, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren.
Warum beide Gewohnheiten zusammenpassen
- Beide Verhaltensweisen haben etwas gemeinsam: Sie setzen voraus, dass man eine gewisse Unklarheit aushalten kann.
Der Psychologe Arie Kruglanski beschäftigte sich intensiv mit dem sogenannten Bedürfnis nach Abschluss. Damit ist der Drang gemeint, Unsicherheit möglichst schnell zu beenden und eine klare Antwort oder Lösung zu finden. Das kann sich kurzfristig sehr produktiv anfühlen;
- Doch die schnellste Lösung ist nicht immer die beste.
Wer jede Aufgabe sofort abschließt und seinen Arbeitsplatz ständig vollständig aufräumt, ist deshalb nicht automatisch disziplinierter. Möglicherweise fällt es dieser Person lediglich schwerer, mit offenen Fragen oder unerledigten Kleinigkeiten zu leben.
Menschen, die eine Aufgabe bewusst offenlassen oder ihren Schreibtisch nicht sofort perfekt organisieren, lassen sich dagegen etwas länger auf Ungewissheit ein. Genau daraus können sich neue Ideen entwickeln oder spätere Arbeitsphasen leichter fortsetzen lassen.
Unordnung mit Maß
Das bedeutet allerdings nicht, dass Chaos zur neuen Produktivitätsstrategie werden sollte. Ein völlig überfüllter Schreibtisch oder eine endlose Liste unerledigter Aufgaben kann genauso belastend sein.
Der entscheidende Punkt ist, nicht zu früh Ordnung zu schaffen
Manchmal sollte ein Gedanke noch unfertig bleiben dürfen. Eine Aufgabe muss nicht immer sofort einen sauberen Abschluss finden, und kreative Arbeit muss nicht von Anfang an perfekt organisiert sein.
Produktivität bedeutet also nicht zwangsläufig, jede offene Schleife sofort zu schließen. Manchmal kann es sogar sinnvoller sein, ein wenig Unordnung auszuhalten – solange sie dem Denken, der Kreativität oder der späteren Weiterarbeit tatsächlich dient.