Europas Auto-Wende
Andre
Andre
| 14-08-2026
Fahrzeugteam · Fahrzeugteam

Neue Regeln verändern Europas Autoindustrie

Die europäische Autoindustrie steht vor einem wichtigen Wendepunkt. Neue Vorgaben zu Herkunftsregeln und europäischer Produktion sollen Lieferketten stärken und die heimische Fertigung fördern.
Europas Auto-Wende
Gleichzeitig wächst die Sorge, dass die Regeln ausgerechnet bei Elektroautos zu höheren Kosten und neuen Handelsproblemen führen könnten.

Was hinter den Herkunftsregeln steckt

Nach dem Brexit vereinbarten die EU und Großbritannien im Handels- und Kooperationsabkommen (TCA) grundsätzlich zollfreien Warenhandel. Voraussetzung ist jedoch, dass bestimmte Ursprungsregeln eingehalten werden.
Diese Regeln sollen sicherstellen, dass ein ausreichender Teil eines Produkts aus der EU oder Großbritannien stammt. Komponenten können dabei ihren Ursprungsstatus behalten und in ein größeres Produkt einfließen.
Für die Autoindustrie bedeutet das: fahrzeuge müssen einen bestimmten Anteil lokal produzierter Komponenten enthalten, damit sie weiterhin ohne Zölle zwischen Großbritannien und der EU gehandelt werden können.

Elektroautos stehen besonders unter Druck

Bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor sind die Anforderungen weniger problematisch, weil die entsprechenden Lieferketten in Europa bereits gut etabliert sind. Bei Elektroautos sieht die Situation jedoch deutlich schwieriger aus.
Der Anteil lokal beschaffter Komponenten soll für Elektrofahrzeuge ab 2027 auf 55 Prozent steigen. Auch für Batterien gelten höhere Schwellenwerte. Ab 2027 müssen 70 Prozent des Batteriewerts und 65 Prozent des Werts der Batteriezellen aus der Region stammen.
Das Problem: europas Batterieproduktion entwickelt sich zwar weiter, erreicht aber noch nicht das ursprünglich erwartete Niveau. Dadurch könnte es für Hersteller schwierig werden, die kommenden Vorgaben einzuhalten.

Ein möglicher Zoll von 10 Prozent

Wenn Fahrzeuge die Anforderungen nicht erfüllen, kann ein Einfuhrzoll von 10 Prozent anfallen. Laut Mike Hawes, Chef des britischen Branchenverbands SMMT, könnten dadurch ab 2027 erhebliche Teile des Handels zwischen Großbritannien und der EU betroffen sein.
Der Verband schätzt, dass rund 70 Prozent des britisch-europäischen Handels mit den neuen Schwellenwerten nicht konform sein könnten. Dadurch würden zusätzliche Zölle auf Fahrzeuge und Komponenten entstehen.
Für Autokäufer könnte das ebenfalls Folgen haben. Höhere Produktions- oder Importkosten könnten sich in den Preisen für Elektrofahrzeuge niederschlagen. Gleichzeitig stehen Hersteller unter Druck, ihre Verkaufszahlen bei emissionsfreien Fahrzeugen zu erhöhen.

Europa produziert noch zu wenige Batterien

Ein wesentlicher Engpass liegt bei den Batterien. In der ersten Hälfte des Jahres 2026 entfielen laut EV-Volumes-Daten 62,9 Prozent der weltweit installierten Batteriekapazität für verkaufte Elektrofahrzeuge auf China. Auf Europa entfielen dagegen lediglich 20,3 Prozent.
Auch bei der Verarbeitung von Batterierohstoffen bleibt Europa stark von Asien abhängig. Zwar entstehen neue Fabriken und sogenannte Gigafactories, doch große Teile der Lieferkette befinden sich weiterhin außerhalb Europas.
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China bleibt ein wichtiger Lieferant

Das zeigt sich auch auf dem britischen Markt. Zwischen Januar und Juni 2026 wurden dort 434.593 Elektrofahrzeuge verkauft. Davon wurden 199.593 außerhalb Europas produziert, darunter 158.333 Fahrzeuge in China.
Damit stammten in der ersten Jahreshälfte 36,4 Prozent der in Großbritannien verkauften batterieelektrischen Fahrzeuge und Plug-in-Hybride aus chinesischer Produktion.
Gleichzeitig investieren chinesische Hersteller zunehmend in Europa. Unternehmen wie BYD und Chery prüfen beziehungsweise verfolgen Pläne für Produktionsstandorte auf dem Kontinent. Doch auch bei einer europäischen Fahrzeugmontage bleibt entscheidend, wo die verwendeten Komponenten hergestellt werden.

Was bedeutet „Made in Europe“?

Neben den Herkunftsregeln sorgt auch die geplante Initiative „Made in Europe“ für Diskussionen. Sie ist Teil des europäischen Industrial Accelerator Act und soll unter anderem Nachhaltigkeit, Widerstandsfähigkeit und Mindestanteile europäischer Komponenten fördern.
Für die Autoindustrie könnten dadurch europäische Mindestanteile bei Batteriezellen, Batterieteilen und Stahl vorgeschrieben werden. Fahrzeuge, die diese Bedingungen nicht erfüllen, könnten bestimmte Förderungen für europäische Hersteller nicht erhalten.
Besonders betroffen könnte Großbritannien sein. Laut SMMT könnten britische Fahrzeuge bei einer unveränderten Umsetzung der Vorschläge von großen Teilen des europäischen Marktes ausgeschlossen werden.

EU und Großbritannien eng verflochten

Die Folgen wären nicht nur für Großbritannien relevant.
Rund 70 Prozent der jährlich nach Großbritannien importierten Automobilprodukte stammen aus der EU. Das entspricht laut SMMT einem Wert von rund 60 Milliarden Euro.
Gleichzeitig kommen 61 Prozent der in Großbritannien zugelassenen Neuwagen aus EU-Werken. Britische Fahrzeuge machen dagegen weniger als 3 Prozent des EU-Marktes aus.

Entscheidende Monate stehen bevor

Die EU plant in den kommenden Monaten mehrere Gespräche und Gesetzgebungstreffen. Die Autoindustrie dürfte dabei weiter auf Anpassungen bei den Herkunftsregeln und den „Made in Europe“-Vorgaben drängen.
Das zentrale Problem bleibt der Zeitpunkt: Europa will seine eigene Produktion stärken, während wichtige Teile der benötigten Lieferketten noch nicht ausreichend entwickelt sind.
Die Regeln könnten langfristig den Aufbau einer europäischen Auto- und Batterieindustrie fördern. Kurzfristig besteht jedoch die Gefahr, dass sie die Kosten erhöhen und die ohnehin komplexen Lieferketten zwischen EU und Großbritannien weiter erschweren.