Wüstenpflanzen

· Naturteam
Geht man durch eine Wüste, überrascht das Grün. Alles sieht so aus, als dürfte es dort eigentlich nicht existieren. Der Sand ist heiß, die Luft trocken, und manchmal fällt monatelang kein Regen.
Trotzdem ragen Kakteen in die Höhe, Sukkulenten speichern Wasser in ihren Geweben, und Sträucher treiben Wurzeln, die viele Meter tief in den Boden reichen.
Diese Pflanzen sind nicht nur widerstandsfähig – sie haben einige der spezialisiertesten Überlebensstrategien im gesamten Pflanzenreich entwickelt.
Die drei grundlegenden Strategien
Wüstenpflanzen nutzen im Allgemeinen eine von drei Strategien, um mit extremem Wassermangel zurechtzukommen: wasserspeicherung, Trockenheitstoleranz oder Trockenheitsvermeidung.
Sukkulente Pflanzen speichern Wasser direkt in ihren Blättern, Stängeln oder Wurzeln. Alle Kakteen sind Sukkulenten, ebenso Agaven, Aloe-Arten und viele Wolfsmilchgewächse.
Diese Fähigkeit zur Wasserspeicherung erfordert zusätzliche Anpassungen.
Ihre Spaltöffnungen – die winzigen Poren für den Gasaustausch – bleiben tagsüber geschlossen, um Wasserverlust zu verhindern, und öffnen sich erst nachts. Dieser Vorgang wird als CAM-Stoffwechsel bezeichnet.
Dadurch können die Pflanzen nachts Kohlendioxid aufnehmen und chemisch speichern, um es tagsüber für die Photosynthese zu nutzen. Gleichzeitig wird die Verdunstung auf ein Minimum reduziert.
Eine dicke, wachsartige Schutzschicht auf der Oberfläche verringert den Feuchtigkeitsverlust zusätzlich.
Der verborgene Wassertank des Saguaros
Der Saguaro-Kaktus ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Strategie.
Sein Stamm und seine Arme sind wie eine Ziehharmonika gefaltet. Dadurch kann er sich ausdehnen oder zusammenziehen, je nachdem, wie viel Wasser gespeichert ist. Nach einem Regenfall kann ein ausgewachsener Saguaro so viel Wasser aufnehmen, dass er mehr als 4.000 Liter speichert.
Von diesem Vorrat kann er während eines ganzen Jahres Trockenheit zehren. Sein Wurzelsystem ist flach, aber weit ausgebreitet. So kann selbst leichter und kurzer Regen schnell aufgenommen werden, bevor das Wasser verdunstet.
Diese Kombination aus flachen Wurzeln, enormer Speicherkapazität und nahezu wasserundurchlässiger Haut macht den Saguaro zu einem der effizientesten Wassersammelsysteme der Natur.
Stattdessen in die Tiefe gehen
Nicht alle Wüstenpflanzen speichern Wasser oberirdisch.
Trockenheitstolerante Arten wie der Mesquite-Baum verfolgen die entgegengesetzte Strategie und erschließen tiefere Wasserquellen. Bei Mesquite wurden Wurzeln dokumentiert, die deutlich mehr als 15 Meter tief reichen. Dort erreichen sie unterirdische Wasservorkommen, die vom Oberflächenregen unabhängig sind.
Der Baum besitzt kleine Blätter, wodurch die Oberfläche für Wasserverlust durch Verdunstung reduziert wird. Zusätzlich schützt eine dicke Wachsschicht vor Feuchtigkeitsverlust.
Der Kreosotbusch nutzt ein ähnliches Prinzip. Seine tiefen Wurzeln und die harzartige Beschichtung der Blätter helfen ihm, selbst an den heißesten Nachmittagen Feuchtigkeit zu bewahren.
Diese Pflanzen speichern Wasser nicht in großen Mengen. Stattdessen greifen sie kontinuierlich auf Reserven zu, die von Dürreperioden kaum beeinflusst werden.
Die schnelle Strategie
Einjährige Wüstenpflanzen verfolgen einen völlig anderen Ansatz.
Anstatt komplizierte Wasserspeicher oder tiefe Wurzelsysteme auszubilden, durchlaufen sie ihren gesamten Lebenszyklus während der kurzen Regenzeit. Sie keimen, wachsen, blühen, bilden Samen und sterben oft innerhalb weniger Wochen.
Dabei produzieren sie große Mengen an Samen, die monatelang oder sogar jahrelang im Boden ruhen können, bis der nächste Regen einsetzt. Hier setzt die Strategie weniger auf besondere Physiologie als auf perfektes Timing. Die Pflanze selbst lebt nur kurz, ihre Samen jedoch überdauern lange Trockenzeiten.
Kleine Blätter, großer Vorteil
Eine Eigenschaft findet sich bei fast allen Wüstenpflanzen wieder: kleine Blätter.
Die Blattoberfläche bestimmt direkt, wie viel Wasser durch Verdunstung verloren geht. Kleinere Blätter bedeuten weniger Verdunstungsfläche. Außerdem erwärmen sich kleine Blätter in direkter Sonneneinstrahlung weniger stark als große Blätter, was den Wasserverlust zusätzlich reduziert.
Einige Wüstenpflanzen wie Wacholder treiben diese Anpassung auf die Spitze. Ihre Blätter sind zu winzigen, wachsartigen Schuppen reduziert, die eng an den Zweigen anliegen. Während extremer Dürre werfen manche Arten ihre Blätter sogar vollständig ab und wechseln in eine Ruhephase. Dadurch wird die Verdunstung nahezu auf null reduziert.
Klima und die Zukunft
Steigende globale Temperaturen setzen diese ohnehin extremen Anpassungen zunehmend unter Druck.
Mit höheren Temperaturen verdunstet die Bodenfeuchtigkeit schneller, und die Zeitspanne, in der Wasser verfügbar ist, wird kürzer. Auch Sturzfluten, auf die viele Wüstenpflanzen für die Verbreitung ihrer Samen und die Wasserversorgung ihrer Wurzeln angewiesen sind, werden immer unvorhersehbarer.
Selbst die ausgefeiltesten Überlebensstrategien haben ihre Grenzen. Sollten die Temperaturen weiter steigen, könnten sogar Arten wie der Saguaro-Kaktus oder der Mesquite-Baum Bedingungen ausgesetzt sein, für die ihre Anpassungen nicht mehr ausreichen.